DIE ZEIT: Frau Mokhnacheva, Sie haben Pionierarbeit geleistet und mit zwei Kollegen zum ersten Mal in einem Atlas die Wanderungsbewegungen von Migranten festgehalten, die wegen Umweltschäden umsiedeln. Warum?

Daria Mokhnacheva: Umweltmigration ist politisch zu wenig beachtet. Wir wollen Regierungen weltweit eine Informationsgrundlage bieten, um besser Vorsorge treffen zu können. Und wir wollen die Vielschichtigkeit des Themas darstellen.

ZEIT: Letzteres macht Ihr Atlas sehr deutlich. Da stellen Sie Flutopfern in Bangladesch und Menschen, die von Vulkanausbrüchen, landwirtschaftlichem Raubbau oder Chemieunglücken geschädigt wurden, auch reiche US-Rentner gegenüber, die aus den zugigen Rocky Mountains ins sonnige Florida ziehen. Ist eine derart breite Definition der Umweltmigration nicht arg willkürlich?

Mokhnacheva: Eine verbindliche Definition gibt es noch nicht, und wir wollten, wie gesagt, auf die Vielfalt des Phänomens aufmerksam machen. Die mythische Figur des Umweltflüchtlings sollte schärfere Konturen bekommen. Sie wird ja auch immer wieder instrumentalisiert und als Bedrohung für Europa fast nur negativ dargestellt.

ZEIT: Viele Organisationen und auch der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller sprechen von 200 Millionen Klimaflüchtlingen in den nächsten drei, vier Jahrzehnten. Ist das alarmistisch?

Mokhnacheva: Schon seit den achtziger Jahren veröffentlichen Umweltschützer solche Schätzungen. In bester Absicht: Sie wollen Politiker für den Kampf gegen den Klimawandel aufrütteln. Allerdings sind diese Prognosen oft fragwürdig, sie hängen von so vielen Faktoren ab. Wir wissen zum Beispiel noch nicht, wie der Klimawandel fortschreitet oder welche Anpassungsstrategien gelingen. Ziemlich sicher können wir sagen, dass jedes Jahr weltweit rund 25 Millionen Menschen ihre Heimat wegen Naturkatastrophen verlassen.

ZEIT: Aufbrechen kann nur, wer die nötigen Mittel hat. Ist Umweltmigration eine Klassenfrage?

Mokhnacheva: Ja, auch das verzerrt die Dimension des Problems. Viele Menschen sitzen in der Falle, ohne jede Chance, aufbrechen zu können.

ZEIT: Warum sprechen Sie von "Chance"? Wer verlässt aus solchen Gründen gern seine Heimat?

Mokhnacheva: Natürlich ist das bitter, aber selbst nach einer Naturkatastrophe gibt es nicht nur Opfer, sondern handelnde Personen, die eine Wahl treffen. Fortzugehen ist eine von vielen Strategien, sich dem Klimawandel anzupassen. Migranten können sich anderswo ein besseres Leben aufbauen. Sie tragen mit Rücküberweisungen oder neu erworbenen Kenntnissen zur Entwicklung ihrer Heimatländer bei und auch dazu, weitere Katastrophen zu bewältigen und ihnen vorzubeugen.

ZEIT: Die Zahl der Umweltflüchtlinge wird wahrscheinlich noch zunehmen. Sollten sie deshalb einen eigenen Status im Asylrecht bekommen?

Mokhnacheva: Schwierige Frage! Darüber wird diskutiert, aber weltweit zögern Politiker, die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 für Umweltflüchtlinge zu öffnen.

ZEIT: Warum?

Mokhnacheva: Manche befürchten, mit der Einführung eines Umwelt-Asyls könnte der Schutzstatus politischer Flüchtlinge abgeschwächt werden.

ZEIT: Steht nicht eher die Angst vor zu vielen Asylansprüchen dahinter?

Mokhnacheva: Hier kommen gleich zwei hochsensible Themen der internationalen Politik zusammen. Migration war immer schon heikel, weil sie unmittelbar die Souveränität der Staaten berührt. Und wie lange hat es gedauert, bis man sich in Paris auf ein globales Klimaschutzabkommen einigen konnte! Da kann man sich vorstellen, wie schwer ein Asyl für Umweltflüchtlinge durchzusetzen ist. Es wäre auch rechtlich schwer zu fassen.

ZEIT: Warum?

Mokhnacheva: Wenn zum Beispiel ein Bauer sein Dorf verlässt, hat er dafür oft noch andere Gründe als allein die Zunahme von Dürren und schlechte Ernten. Auch sonst sind die Fälle so unterschiedlich. Manche werden zwangsumgesiedelt, andere wollen gehen. Die einen wandern über Grenzen hinweg, die allermeisten in eine Stadt im eigenen Land. Gerade Letzteren wäre mit dem Asylrecht gar nicht geholfen.

ZEIT: Noch einmal zurück zu Ihrem Begriff "Chancen". Er erscheint mir auch deshalb beschönigend, weil man sich fragt: Wohin können die Menschen heute noch ziehen? Ein historisches Kapitel in Ihrem Atlas zeigt: In früheren Jahrhunderten gab es noch mehr offene Räume. Iren wanderten etwa in die USA aus oder die Farmer aus den großen, trockenen Ebenen nach Kalifornien. Heute aber ist alles dicht besiedelt. Deshalb verursacht Migration oft Spannungen und Konflikte.

Mokhnacheva: Zumal die demografische Entwicklung den Druck auf die Ressourcen erhöht. Aber man muss alle Seiten der Wirklichkeit in Betracht ziehen. Zum Beispiel altert die Bevölkerung in Europa, da ist der Bedarf an Arbeitskräften hoch. Auch deshalb brauchen wir legale Kanäle, die den Menschen ermöglichen, sich fortzubewegen.

ZEIT: Wie könnten die aussehen?

Mokhnacheva: Australien oder Neuseeland erteilen zu bestimmten Jahreszeiten den Bewohnern der Pazifikinseln Arbeitsvisa. Das ist ein Beispiel für befristete Einreisemöglichkeiten, die dynamisch sind und den Betroffenen Gelegenheiten eröffnen, während einer Dürreperiode anderswo zu arbeiten. Solche weicheren Ansätze, Migration zu erleichtern, haben größere Chancen als ein Asylgrund Umweltflucht. Zusätzlich brauchen wir mehr Schutzrechte und Hilfsansprüche.

ZEIT: Wer sollte das durchsetzen?

Mokhnacheva: Es tut sich schon eine Menge. Seit 1998 gibt es zum Beispiel freiwillige Leitlinien für Binnenvertreibungen. Viele Länder und regionale Zusammenschlüsse wie die Afrikanische Union haben auf dieser Grundlage Gesetze und internationale Verträge beschlossen.

ZEIT: Die Leitlinien sollen verhindern, dass Flüchtlinge, die innerhalb eines Landes umherziehen, zurückgewiesen werden, ihr Eigentum verlieren, Opfer von Willkür und Gewalt werden. Aber was ist mit jenen, die über Grenzen wandern?

Mokhnacheva: Auch da gibt es Bewegung. Auf Initiative Norwegens und der Schweiz haben mehr als 100 Länder eine erste Schutzagenda angenommen. Es gibt Gespräche über einen globalen Vertrag zur Umweltmigration. Da müssen Regeln für eine bessere Steuerung der Migration erarbeitet werden, für Unterstützung bei der Rückkehr oder für Umsiedlungsprogramme. Eine Herkulesaufgabe.

ZEIT: Eine teure noch dazu. Im Rahmen des Klimaschutzabkommens zeigten sich die Länder, die das Problem verursacht haben, nicht gerade großzügig, um für die Schäden aufzukommen und Hilfe für Umweltmigranten oder Anpassungsprogramme zu finanzieren.

Mokhnacheva: Leider ziehen akute Dramen die Aufmerksamkeit der Geber eher auf sich als Investitionen in die Zukunft. Dabei ist längst belegt: Es ist auch bei Naturkatastrophen viel teurer aufzuräumen, als vorzubeugen.

Der "Atlas der Umweltmigration" ist gerade im oekom Verlag, München, erschienen, 176 Seiten, 22 €