Es ist mittlerweile das Jahr 16 des war on terror, den George W. Bush 2001 ausrief, und so langsam weiß niemand mehr, wer da eigentlich gegen wen kämpft. Seit Anfang vergangener Woche haben Saudi-Arabien und mehrere arabische Nationen, die allesamt der "Globalen Koalition gegen den IS" angehören, den Belagerungszustand über den kleinen Golfstaat Katar verhängt, ebenfalls ein Mitglied dieser Koalition. Offizieller Grund: Das Emirat unterstütze den Terrorismus. Der wahre Grund jedoch ist die Nähe des Emirs zum Iran, dem Erzfeind der Saudis.

Alle Akteure in diesem Drama rechtfertigen ihre Politik mit dem "Krieg gegen den Terror", und immer sind die anderen die Schlimmen: für die Saudis steckt Teheran hinter allen Aufständen gegen sunnitische Herrschaft in der Region. Für das iranische Regime wiederum ist der wahhabitische Islam saudischer Prägung die Quelle allen Extremismus.

Es ist Zeit, sich endlich von der Doktrin des "Krieges gegen den Terror" zu verabschieden. Denn dieser Krieg reproduziert nur die extremistische Gewalt, die er zu bekämpfen vorgibt. Und er verschleiert die tieferen Gründe der Krise des Mittleren Ostens, die mehr mit dem saudisch-iranischen Machtkampf zu tun haben als mit dem "Islamischen Staat", gegen den angeblich alle Seiten kämpfen. Drittens erzeugt der Antiterrorkrieg aktuell eine Dynamik, die sogar einen großen Krieg am Golf denkbar macht. Denn im Weißen Haus sitzt ein Präsident, der in diesem Konflikt nicht etwa zu mäßigen versucht, sondern ihn mit seiner einseitigen Parteinahme für die Saudis und gegen den Iran weiter anheizt.

Die Vorgeschichte dieser Krise beginnt nicht erst am 11. September 2001 mit den Anschlägen auf das World Trade Center in New York. Sie reicht bis in die frühen achtziger Jahr zurück, als nach der iranischen Revolution die neue schiitische Theokratie in Teheran und das wahhabitische Königshaus in Riad erstmals auf Kollisionskurs gerieten, während gleichzeitig ein amerikanisch-saudisches Bündnis islamistische Kämpfer gegen die Sowjetarmee in Afghanistan hochrüstete. Aus den einstigen "Freiheitskämpfern" wurde Bin Ladens Al-Kaida, und die rekrutierte schließlich jene Attentäter, die am 11. September die Anschläge in New York und Washington verübten. Die Folgen sind bekannt: Die USA taten Bin Laden den größtmöglichen Gefallen, sein epochales Verbrechen zu einer kriegerischen Handlung und sein Terrornetzwerk zur Kriegspartei aufzuwerten.

Der damals ausgerufene war on terror war zeitlich und räumlich entgrenzt. Solche Kriege kann man qua definitionem nicht gewinnen. Ihre Entgrenzung verselbstständigt sich – auch weil sie jede Menge Gelegenheiten bieten, sie für ganz andere Interessen zu nutzen. In die Fahne des war on terror haben sich seither viele gehüllt, die intervenieren, expandieren, okkupieren oder schlicht mit allen Mitteln ihre Macht sichern wollen.

Zunächst und mit den wohl dramatischsten Folgen für die Region taten dies die USA, die ihren Einmarsch in den Irak 2003 unter anderem mit angeblichen Verbindungen des irakischen Diktators Saddam Hussein zu Al-Kaida begründeten. Die Invasion, vor allem aber die desaströse Besatzung, ließen aus der Lüge eine sich selbst erfüllende Prophezeiung werden. Die Ausgrenzung der im Irak zuvor dominierenden Sunniten, die ungehinderte politische Expansion des Irans in das mehrheitlich schiitische Nachbarland und die Rachekampagnen schiitischer Milizen schufen tatsächlich ein neues Aktionsfeld für Al-Kaida. Die von der Macht verdrängten Anhänger Saddam Husseins bildeten später den personellen Kern des "Islamischen Staates". Entscheidend war, dass die Dschihadisten im Irak eine neue Rolle fanden: als vermeintliche Beschützer der Sunniten gegen die expandierenden Schiiten.

Der war on terror ist seither in den religiös-politischen Machtkampf zwischen Saudi-Arabien und dem Iran eingewoben. Es hat sich eine irrsinnige Logik wechselseitiger Befeuerung herausgebildet. Wäre das alles nicht so brandgefährlich, man müsste von einer historischen Ironie sprechen: Die westlich geführte Koalition gegen den IS braucht nämlich überwiegend iranisch finanzierte Milizen als Bodentruppen im Irak. Die Iraner nutzen so den war on terror, um ihre militärische Expansion und die Ausgrenzung der Sunniten voranzutreiben. Dies wiederum ist der Anlass für zahlreiche sunnitische Fraktionen in der Region – und für deren Schutzmacht Saudi-Arabien –, ihrerseits aufzurüsten. Und dabei kommen dann Al-Kaida, der IS und andere dschihadistische Gruppierungen wieder ins Spiel, als Rächer unterdrückter Sunniten. Ein perfekter Zirkel der Radikalisierung.