Gipfel der Welt, so wird der Mount Everest oft genannt. Kein Punkt unserer Erde ragt weiter in den Himmel als die Spitze dieses Gesteinsriesen. In der Schule lernen Kinder das im Erdkundeunterricht, in Gesellschaftsspielen kann man Quizfragen dazu beantworten und in Rekordbüchern und Lexika nachlesen, dass der Mount Everest mehr als 8.000 Meter hoch ist. 8.848 Meter, um genau zu sein. Das haben Forscher vor mehr als 60 Jahren zum ersten Mal gemessen. Vorstellen kann man sich eine solche Höhe als Mensch kaum, wie bloß finden Forscher so etwas heraus? Sie können ja schlecht einen riesigen Zollstock ausklappen.

Wie man einen Berg vermisst – das ist nicht nur eine gute, sondern auch eine sehr aktuelle Frage. Denn im Januar hat ein Team indischer Forscher angekündigt, die Höhe des Mount Everest neu zu bestimmen. Wissenschaftler vermuten nämlich, dass der höchste Berg der Welt durch ein schweres Erdbeben im Jahr 2015 geschrumpft sein könnte. Ist die Zahl 8.848 vielleicht falsch?

Das sagen wir doch schon lange, würden darauf Wissenschaftler aus China antworten. Vor gut zehn Jahren haben sie den Berg schon einmal neu vermessen. Mit einem anderen Ergebnis: Laut ihrer Untersuchung ist der Mount Everest nur 8.844 Meter hoch, vier Meter kleiner also.

Die Höhe von Bergen ist für verschiedene Menschen wichtig: für Bergsteiger, damit sie wissen, wie weit sie es noch zum Gipfel haben. Auch für Flugzeuge, manche steigen nicht höher als 8.000 Meter und müssen die Berge umfliegen. "Auf ein paar Meter kommt es da aber nicht an", sagt Joachim Schwabe. Er ist Geodät, so nennt man einen Fachmann für Vermessung, und arbeitet beim Bundesamt für Kartographie und Geodäsie in Leipzig. "Der wichtigste Grund für die Vermessung von Bergen ist die Neugier des Menschen", glaubt er. Schon immer wollten wir die Welt verstehen, wissen, wie sie aussieht, und alles genau erforschen.

Das gilt sicherlich auch für das chinesische Forscherteam, das den Mount Everest vier Meter kleiner maß. Trotzdem konnte sich ihre Zahl nicht durchsetzen. Das liegt nicht an der Arbeit der Wissenschaftler, sondern es hat mit Politik zu tun.

Der höchste Berg der Welt liegt auf der Grenze zwischen dem riesigen Land China und dessen kleinem Nachbarn Nepal. Ein Teil ist also chinesisch, einer nepalesisch. Wenn Wissenschaftler etwas erforschen wollen, was in einem anderen Land liegt, dann sollten sie nicht einfach ihre Forschertaschen packen und losstiefeln, sondern vorher um Erlaubnis fragen. Die chinesischen Forscher hätten ihre Arbeit mit dem kleinen Nachbarn zumindest absprechen sollen. Weil sie das nicht taten, wollte man die neue Höhe in Nepal nicht anerkennen. Der Mount Everest blieb 8.848 Meter hoch.

Nach einem jahrelangen Streit einigten Chinesen und Nepalesen sich schließlich darauf, dass sie sich wohl nie einig werden würden. Jeder hielt an seiner Zahl fest – bis heute. Wenigstens fand man eine Erklärung für die fehlenden vier Meter: Wahrscheinlich hatte Nepal die hohe Schneeschicht auf dem Gipfel mitgemessen, China dagegen nur die Felsen.

Auch ohne Erdbeben gibt es also gute Gründe, den höchsten Berg der Welt noch einmal zu vermessen. Dafür soll eine Gruppe Wissenschaftler aus Indien bald zum Mount Everest aufbrechen. Und damit es am Ende nicht wieder Streit gibt, baten die Forscher Nepals Regierung um Erlaubnis. Auf deren Seite des Berges wollen sie arbeiten. Für die Inder ist die Expedition auch eine Frage der Ehre: Im Jahr 1855 bestimmte ein Team des Landes zum allerersten Mal die Höhe des Mount Everest. Damals kamen die Forscher auf 8.840 Meter.

Heute gibt es Technik, mit der man um einiges genauer messen kann als vor 160 Jahren, eins aber hat sich nicht geändert: Wer Berge vermessen will, muss viel rechnen und gut in Geometrie sein. "In der Schule habe ich mich in Mathe noch darüber geärgert", sagt der Fachmann Joachim Schwabe, "jetzt könnte ich ohne sie nicht arbeiten." Die Höhe eines Berges lässt sich auf verschiedene Arten bestimmen. "Man muss noch nicht einmal zwingend auf den Berg hinaufsteigen", sagt Schwabe. Was Wissenschaftler wie er benötigen, sind Zahlen, mit denen sie rechnen können. Die bekommen sie zum Beispiel von Satelliten, die um unsere Erde kreisen.

Wichtig ist dabei übrigens etwas, worauf sich selbst die Streithähne aus China und Nepal einigen konnten. Gemessen wird immer der Teil, der über dem Meeresspiegel liegt – auch wenn der Fuß eines Berges 100 Meter darüber oder 500 Meter darunter anfängt. Glück für den Mount Everest, denn würde man vom Fuß eines Berges messen, wäre der Vulkan Mauna Kea auf Hawaii der höchste Berg der Welt: Aus dem Meer ragen zwar nur 4.205 Meter, doch vom Fuß am Meeresgrund bis zur Spitze am Himmel kommt er auf 10.203 Meter. Zumindest bei der letzten Messung.