Früher hatte es die deutsche Orientpolitik recht einfach. Da gab’s nur "den" Nahostkonflikt zwischen Israelis und Arabern, und Bonn-Berlin balancierte in der Mitten: hier die historische Verantwortung für den Staat der Juden, dort 340 Millionen Araber nebst Iran. Die Losung war "gut Freund mit jedermann und lukrativer Handel mit allen".

Wie schwer sich die deutsche Politik mit Nahost 2.0 und seinen bizarren Kreuz-und-quer-Konflikten tut, zeigt Sigmar Gabriels Einlassung in der FAZ, wo er munter drauflosplaudert. Die Isolierung Katars durch Riad, Kairo und Co. sei "dramatisch" und schüre die "Gefahr, dass aus dieser Auseinandersetzung ein Krieg werden könnte". Wer genau soll den führen und gegen wen?

Dass die Sunni-Staaten in Katar einmarschieren, ist so realistisch wie ein Wüstenregen im Juni. Da ist Trump davor. Denn Katar beherbergt den größten US-Luftstützpunkt im Ausland – mit 11.000 Soldaten. Bezahlt hat Katar den Bau mit einer Milliarde Dollar. Von Al-Udeid aus führen die USA den Luftkrieg gegen den IS; die Bomber fliegen rund um die Uhr. Katar finanziert aber auch Al-Dschasira-TV, das gegen den Westen und dessen arabische Freunde austeilt. Doha unterstützt Anti-Regime-Kräfte wie die Muslimbrüder und steht im Verdacht, Terrortrupps zu alimentieren. Absicherung mit viel Cash nach allen Seiten, doch irgendwann mussten die allzu cleveren Katarer zwischen allen Stühlen landen.

Aber Krieg, wie unser Gabriel wähnt? Die Iraner, Todfeinde der Saudis, werden nicht für Doha sterben, auch wenn der dort herrschende Al-Thani-Clan sich lieb Kind in Teheran gemacht und die Wut der sunnitischen Bruderstaaten auf sich gezogen hat. Der Iran schickt Lebensmittel in das umzingelte Emirat – symbolische Hilfe. Aber Kämpfer und Blockadebrecher? Wer in Katar interveniert, trifft auf den "Großen Satan" mit seinen Luftflotten. Der könnte nicht still sitzen, wenn die Iraner saudische Schiffe bombardierten.

Kritischer ist eine ganz neue Front. Inzwischen hat der Iran einen frischen Feind, der massive Vergeltung provozieren wird. Der Terroranschlag von Teheran (16 Tote) geht auf das Konto des IS; die Killer sind nicht Saudis, sondern Einheimische. Diese Wendung ist tatsächlich "dramatisch", um Gabriel zu bemühen. Der IS ist das Kind der Kaida, die seit Bin Laden einen stillen Deal mit Teheran respektiert hat. Kein Terror im Iran, dem Staat der Schiiten; dafür gab’s dort Zuflucht plus ein Maß an Bewegungsfreiheit. Im typischen Machtkampf zwischen "Vater" und "Sohn" wollte der IS beweisen: "Wir sind die besseren Gotteskämpfer, vergesst die müde gewordenen Alten der Kaida!"

Die Rache des Irans wird grausam sein und de facto – so läuft’s im Wilden Osten – die Anti-IS-Allianz der Amerikaner, Araber und Perser verstärken, ganz gleich, wie sehr sie einander hassen. Der IS wird ohnehin dezimiert – in Mossul wie in Rakka –, aber es zeugt vom Wahn dieser Truppe, dass sie den Iran in seiner Hauptstadt, gar das Grab des heiligen Chomeini angreift.

Stets trügt der Schein in dieser Welt, wo eher die Zyniker recht behalten. Aber Krieg um Katar? Hier trifft Trump auf seine erste echte Bewährungsprobe. Gabriel darf sich aufregen, Washington muss vermitteln. Die Schutzmacht kann es, weil sie Druck auf Doha wie Riad ausüben, derweil sie Teheran abschrecken kann. So weit die Logik. Bis zum nächsten Tweet.