Selten ist eine Regierungspartei mit einst absoluter Mehrheit so gedemütigt worden wie die französischen Sozialisten am vergangenen Wahlsonntag. Von den 291 Abgeordneten, mit denen die Parti Socialiste (PS) vor fünf Jahren in die Pariser Nationalversammlung einzog, werden ihr nach dem zweiten Wahlgang der Parlamentswahlen am kommenden Sonntag wohl nur 20 bis 30 Mandate bleiben. Damit droht die Partei in die völlige Bedeutungslosigkeit abzusinken – und das, nachdem sie fast ein Vierteljahrhundert lang die dominierende politische Kraft in Frankreich war; erst unter François Mitterrand, später unter Premier Lionel Jospin und zuletzt unter Präsident François Hollande.

"François Hollande, danke für diesen Augenblick!", sagte einer der unterlegenen sozialistischen Kandidaten ironisch. Er lieferte damit die einfachste Erklärung: die sagenhafte Unpopularität des letzten sozialistischen Präsidenten.

Hollande scheiterte an der Aufgabe, die sein großes Vorbild Mitterrand meisterhaft beherrschte, am feinfühligen Austarieren der unterschiedlichen Flügel der Partei. Die PS war schon immer mehr komplizierte Intellektuellenpartei denn traditionelle Arbeiterformation. Bereits unter Mitterrand gab es einen marxistischen, zwei traditionell sozialdemokratische und einen sozialliberalen Parteiflügel. Mitterrand vermochte es, die unterschiedlichen Strömungen bis zu seinem Abtritt im Jahr 1995 zusammenzuhalten. Das gelang anfangs auch Hollande, der von 1997 bis 2008 als Parteichef diente.

Erst als er 2012 zum Präsidenten gewählt wurde, kam es zum parteiinternen Bruch. Hollande galt einst als Kompromisskandidat, auf den sich alle Flügel einigen konnten. Ein Traditionssozialist, der auf das Großkapital schimpfte. Als Präsident aber wandelte er sich unter dem Einfluss seines jungen Wirtschaftsberaters Emmanuel Macron zum Sozialliberalen. Nun wollte er nach dem Vorbild der Schweden und Deutschen den Arbeitsmarkt liberalisieren.

Große Teile der Partei fühlten sich betrogen. Innerhalb der Parlamentsfraktion bildete sich eine lautstarke Gruppe, die in Fundamentalopposition zum Präsidenten ging. Der hatte für die Wirtschaftsreformen, die sein junger Berater für ihn plante, mit einem Mal keine Mehrheit mehr. Die Reformen blieben Stückwerk und erfolglos. Nach außen entstand der Eindruck einer Partei, die im Chaos versank. Mit dem PS-Debakel vom Sonntag gaben die Wähler ihr die Quittung dafür.

Der Niedergang der PS ging einher mit dem Aufstieg des sozialliberalen Lagers. Dieses war parteiintern immer in der Minderheit gewesen, gesamtgesellschaftlich aber schon lange mehrheitsfähig. Mitterrands taktisches Meisterstück lag einst darin, durch die Linksunion mit den Kommunisten seinen populäreren parteiinternen sozialliberalen Nebenbuhler Michel Rocard auszumanövrieren. Rocard war nicht nur der Mentor des letzten Premierministers von Hollande, Manuel Valls, sondern auch des neuen Präsidenten. Macron hingegen gründete seine eigene Partei En Marche, die am Sonntag die Wahlen mit großem Vorsprung gewann. Die PS mag also tot sein. Der französische Sozialismus lebt in anderer Form neu auf.