In Deutschland gibt es immer noch Dienstmägde: 24 Stunden sind die Frauen im Einsatz, ständig auf Abruf. Sie leben in winzigen Zimmern, haben kaum Freizeit, müssen schwer heben, arbeiten für viel zu wenig Geld. Osteuropäische Pflegekräfte gehören zum neuen Prekariat – und ihre Zahl steigt. Experten schätzen, dass es zwischen 100.000 und 300.000 sind. In etwa jedem zehnten Pflegehaushalt leben die Frauen mit in der Wohnung, wie eine aktuelle, von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie zeigt.

Die Ausbildung der Frauen ist oft miserabel. Sie sprechen nur schlecht Deutsch, sind kaum auf die große mentale und körperliche Belastung vorbereitet, die sie in Deutschland erwartet. Manche werden mit falschen Versprechungen hierher gelockt. Hinzu kommen die kleinen Demütigungen im Alltag. In extremen Fällen erleben sie: Rassismus, Misshandlung und sexuelle Übergriffe. Kritiker sprechen von Pflegesklavinnen.

Ihre Not – und das ist das Fatale – steht einer anderen Not gegenüber: Für viele deutsche Mittelschichtsfamilien sind osteuropäische Pflegekräfte der einzige Rettungsanker. Doch man darf die eine Not nicht gegen die Not der anderen ausspielen. Denn sonst hat man nicht nur eine Zweiklassengesellschaft, sondern auch eine Zweiklassenmoral: Man kauft Fairtrade-gehandelte Blumen und Bio-Wein – aber wenn es die Polin zu Hause betrifft, macht man Abstriche. Weil die kranke Mutter Hilfe braucht, weil es anders nicht geht. Die Angehörigen müssen sich fragen, wie sie ihrer Verantwortung gegenüber der Pflegekraft gerecht werden können. Denn Verantwortung haben sie, ob sie wollen oder nicht.

Sicher, in Deutschland gibt es 2,9 Millionen Pflegebedürftige, Tendenz steigend. Im Schnitt fallen 63 Stunden Arbeit in einem betroffenen Haushalt an. Diese Zeit und Energie kann ein Berufstätiger kaum für die Pflege aufbringen. Ein deutscher Pflegedienst, der eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung bietet und gleichzeitig die arbeitsrechtlichen Standards einhält, ist für die meisten unbezahlbar. Viele sträuben sich auch, den Angehörigen in ein Altersheim zu geben. Die Sorge ist zu groß, dass der geliebte Mensch dort vernachlässigt wird, dass er geistig und körperlich schnell abbaut. Doch das darf nicht als Ausrede dienen für die schlechte Behandlung der osteuropäischen Pflegekräfte. Sie sind keine Dienstbotinnen des Spätfeudalismus, auf die man einfach 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche zugreifen kann.

Man darf nicht vergessen: In Deutschland haben sich die Bürger die arbeitsrechtlichen Standards hart erkämpft. Eine solche 24-Stunden-Pflege, wie sie von osteuropäischen Pflegekräften gefordert wird, ist nicht nur unfair, sondern auch juristisch heikel.

Das Arbeitszeitgesetz fordert beispielsweise eine Ruhezeit von mindestens elf Stunden. Diese darf im Pflegebereich höchstens um eine Stunde verkürzt werden. Es muss einen Ausgleich für Feier- und Sonntagsarbeit geben. Denn sonst verschafft sich die eine Gruppe Erleichterung, während die andere dafür leidet. Eine simple Lösung gibt es für dieses Dilemma nicht. Die Gesellschaft muss darüber diskutieren, wie sie das Pflegeproblem langfristig in den Griff bekommen will. So angstbesetzt und tabuisiert das Thema auch ist. Wir müssen uns fragen, wie wir mit unseren alten Menschen umgehen wollen und was uns gute Pflegekräfte wert sind. Wie kann die stationäre Pflege aufgewertet werden? Wie lässt sich die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf stärken? Und schließlich: Was lässt sich von anderen Ländern lernen? In Skandinavien etwa wird konsequenter auf Prävention und die Inklusion älterer Menschen ins Gemeindeleben gesetzt. Die Angehörigen werden besser vom Staat unterstützt und können häufiger Vollzeit arbeiten – was wiederum der Wirtschaft zugute kommt. Es lohnt sich, da genauer hinzuschauen.

Natürlich ist es eine Illusion, dass sich das Pflege-Dilemma in Deutschland von heute auf morgen lösen lässt. Viele mittelständische Familien werden noch lange auf osteuropäische Pflegekräfte angewiesen sein. Doch es sollte alles getan werden, um deren Ausbeutung und Demütigung zu verhindern. Etwa, indem Vermittlungsagenturen besser überprüft werden. Auch ein gründlicher verpflichtender Vorbereitungskurs für die Pflegekräfte könnte helfen. Und sie sollten schriftlich über ihre Rechte aufgeklärt werden.

Auch die Angehörigen, die eine osteuropäische Pflegekraft beschäftigen wollen, sind in der Pflicht. Ein Anfang wäre es, sich über die arbeitsrechtlichen Mindeststandards zu informieren, etwa bei www.vij-faircare.de. Wenn die Pflegekraft bereit ist, auch mal über die offiziellen Zeiten hinaus zu arbeiten, sollte man als Angehöriger vor allem eins sein: dankbar.

Eins darf man bei allem Stress nicht vergessen: Man hat hier einen Menschen vor sich. Und diesen Menschen muss man auf Augenhöhe behandeln. Nach einem langen Pflegetag kann man der Pflegekraft nicht auch noch die Schmutzwäsche hinstellen. Wenn sie ihren freien Tag nehmen will, muss man ihr das ermöglichen – indem man eben selbst anpackt oder einen Ersatz organisiert. Auch das Dankeschön für die geleistete Arbeit gehört dazu. So viel menschliches Miteinander, so viel Anstand muss sein.