Es gibt im Zusammenleben der Menschen recht wenige unumstößliche Gesetze, aber dieses hier gilt immer und überall: Die Jungen müssen für die Alten aufkommen. Damit ist auch schon das zentrale Problem der Rentendebatte benannt, die nun den Bundestagswahlkampf eröffnet.

Denn was die Parteien bislang vorgeschlagen haben, dient eher der Mobilisierung der eigenen Anhänger als der Sache. Die SPD hat es auf die Stimmen der Rentner abgesehen und verspricht deshalb, das Rentenniveau stabil zu halten. Es ist aber kein Zufall, dass das sozialdemokratische Rentenkonzept nur bis zum Jahr 2030 reicht. Denn dann sind die geburtenstarken Jahrgänge in Pension und müssten von den deutlich weniger zahlreichen verbleibenden Beitragszahlern versorgt werden. Das wird dazu führen, dass entweder der Rentenbeitrag explodiert – oder das Rentensystem implodiert.

Die FDP will den Anstieg der Beiträge begrenzen, deshalb sollen die Menschen mehr privat vorsorgen – und im Alter von den Erträgen ihres Aktienpakets leben. Auch das wird aber nicht funktionieren, denn wenn die Finanzkrisen der vergangenen Jahre eines gezeigt haben, dann dies: Wer sich auf die Kapitalmärkte verlässt, der ist am Ende oft selbst verlassen. Und woher ein Durchschnittsverdiener denn das Geld für Experimente an der Börse nehmen soll, haben die Liberalen bislang auch nicht überzeugend zu erklären vermocht.

Der Wahlkampf entfernt sich von dem, was er sein sollte – ein Ideenwettbewerb

Die Union wiederum will möglichst ungestört weiterregieren und sich deshalb auf nichts festlegen. Was mit der Rente geschieht, soll erst nach dem Wahltag von einer Kommission geklärt werden. Es ist nicht das erste heikle Thema, bei dem die Christdemokraten kneifen – aus Furcht davor, durch zu viele Details die Wähler zu verunsichern. Ein eigenes Steuerkonzept etwa wollen CDU und CSU ebenfalls nicht vorlegen. Womöglich geht das Kalkül, taktisch betrachtet, sogar auf, doch der Preis für diese Verweigerungshaltung ist, dass der Wahlkampf sich noch weiter von dem entfernt, was er in einer Demokratie eigentlich sein sollte – ein Ort des politischen Ideenwettbewerbs.

Der wäre gerade beim Thema Rente wichtiger denn je, denn klar ist: Wenn die ganze Gesellschaft altert, kann bei der Rente nicht alles bleiben, wie es ist. In den sechziger Jahren finanzierten sechs Beitragszahler einen Rentner, heute leisten das zwei. Und weil es eher unwahrscheinlich ist, dass Deutschland einen zweiten Babyboom erlebt, dass Millionen von jungen und gut ausgebildeten Migranten ins Land strömen oder dass die Produktivität der Arbeitnehmer plötzlich so rasant steigt, dass einer so viel schafft wie früher zwei, wird sich das Verhältnis nur ins Lot bringen lassen, wenn länger gearbeitet wird.

Deshalb verspricht Martin Schulz etwas Unmögliches, wenn er eine Erhöhung des Rentenalters kategorisch ausschließt. Und es ist auch fraglich, ob er mit diesem Vorstoß die Alten überzeugen kann, die einen immer größeren Anteil der Wählerschaft ausmachen. Denn die Aussicht auf eine längere Lebensarbeitszeit hat in Wahrheit längst ihren Schrecken verloren. Ein Maurer wird nicht bis siebzig auf dem Gerüst stehen können, ein Architekt kann aber sehr wohl bis siebzig Pläne zeichnen und ein Universitätsprofessor Aufsätze verfassen. Als Bismarck vor mehr als 125 Jahren die Rentenversicherung einführte, lag das Durchschnittsalter in Deutschland bei unter vierzig Jahren. Wer heute dagegen mit 65 in Rente geht, kann damit rechnen, noch fast zwanzig Jahre zu leben – da wird auch die schönste Kreuzfahrt fade.

Die Jungen haben ohnehin andere Sorgen. Viel wichtiger wäre es für sie, die Rente an die sich verändernde Arbeitswelt anzupassen. Denn bislang gilt das Prinzip: Die Höhe der Auszahlung bemisst sich an der Einzahlung. Das funktioniert bei ordentlich bezahlten Vollzeitjobs. Deren Zahl aber wird im Zeitalter der Digitalisierung mit ihren untypischen Beschäftigungsverhältnissen eher abnehmen. So werden einige vermutlich nicht genug einzahlen können, um im Alter über die Runden zu kommen.

Deshalb ist Altersarmut immer auch eine Folge der Funktionslogik des bestehenden – und im Grunde bewährten – deutschen Rentensystems. Es müsste also ergänzt werden um eine aus Steuermitteln finanzierte Grundsicherung. Wie diese ausgestaltet sein könnte und wer Anspruch darauf haben soll, darüber könnte man im Wahlkampf schon ganz trefflich streiten.

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