Auf Gut Schnellroda in Sachsen-Anhalt dürften die Sektkorken knallen. Dort hat der Verlag Antaios seinen Sitz, eines der publizistischen Kampfinstrumente des ebendort lebenden Götz Kubitschek und seiner Frau Ellen Kositza. Die beiden sind heute die wohl prominentesten Vordenker der Neuen Rechten in Deutschland. Am vorigen Freitag nun tauchte auf der monatlichen Sachbuch-Bestenliste von NDR und Süddeutscher Zeitung ein Antaios-Buch auf, nicht ganz vorne, aber immerhin auf Platz neun: Finis Germania, ein 100-Seiten-Essay aus dem Nachlass von Rolf Peter Sieferle. Die 25-köpfige Jury – auch ZEIT-Redakteurin Elisabeth von Thadden ist darunter – hat nach heftiger interner und öffentlicher Debatte und dem Rücktritt ihres Mitglieds Jens Bisky (Süddeutsche Zeitung) die Nominierung bedauert und sich von Buch und Verlag distanziert. Jurymitglied Johannes Saltzwedel vom Spiegel outete sich als Sieferle-Nominierer und trat zurück: Er habe "bewusst ein sehr provokantes Buch" zur Diskussion bringen wollen – "man möchte über jeden Satz mit dem Autor diskutieren". Die Süddeutsche Zeitung stellte den Abdruck der Liste ein.

Der 2016 verstorbene Historiker Sieferle gehörte zu jenen rechten Intellektuellen, die von links kommen: 1968 engagiert beim Heidelberger SDS, später abseits des akademischen Betriebs hochgelobte Bücher zur Natur- und Technikgeschichte schreibend, seit 2005 Professor in St. Gallen, ein Feingeist, kein Randalierer. In seinen letzten Lebensjahren radikalisierte er sich, vielleicht unter dem Eindruck einer Krebserkrankung – in den posthumen Essays Das Migrationsproblem und eben Finis Germania wird jedenfalls in rechtsradikalem Sound gegen das politische System geraunt, das "ohne Fokus, ohne Werte, Ziele und Programme" sei.

Dass ein problematisches Machwerk überhaupt auf der renommierten Bestenliste erscheinen konnte, ist vor allem einem Systemfehler geschuldet. Die Bestenliste entsteht in einem anonymisierten Punktevergabeverfahren per Mail, die so erstellte Liste wird nicht mehr diskutiert, und kein Juror weiß, wer für welches Buch wie viele Punkte vergeben hat – bis auf den Sprecher Andreas Wang. Er war bis 2010 leitender NDR-Kulturredakteur und organisierte auch im Ruhestand die von ihm und SZ-Redakteur Knut von Harbou einst erfundene Liste zur allseitigen Zufriedenheit. Jetzt monierte NDR Kultur die "gravierende Fehlentscheidung der Jury" und setzte skurrilerweise die Zusammenarbeit mit der eigenen Liste aus. Man hätte sich lieber früher stärker für die Liste engagieren sollen und dabei auch fragen können, ob man dieses kulturelle Aushängeschild vom verdienten Pensionär Wang weiter ehrenamtlich organisieren lässt oder besser institutionell verankert. Einige Jurymitglieder beklagen, sie seien von Wang über die Punktevergabemodalitäten nicht korrekt informiert worden. Denn Saltzwedel konnte Sieferle nur deswegen auf der Liste platzieren, weil er in drei Monaten Punkte für das Buch vergab, was dann zusammengezählt wurde. Nur, von dieser regelkonformen Methode, einst kreiert zur Förderung exotischer Werke, wussten nicht alle Juroren.

Es wäre schade, wenn es künftig keine Sachbuch-Bestenliste mehr gäbe. Sollte sie wiederauferstehen, braucht man dafür jedoch ein transparentes Verfahren – im Interesse vieler großartiger Sachbücher und ihrer Autoren.