"Wissen Sie, warum viele Ultraorthodoxe ihre Telefonnummer als E-Mail-Adresse verwenden? 1-2-3@gmail.com?", fragt Yossi Klar. "Sie haben das lateinische Alphabet nie gelernt." Er muss es wissen: Er war einer von ihnen. An einem windigen Abend sitzt der 24-jährige Israeli in einem Jerusalemer Café, beliebt unter Hipstern, Linken und Austauschstudenten. Niemand hier würde vermuten, dass dieser gut frisierte junge Mann in Jeans und Pulli in einer ultraorthodoxen Gemeinde aufwuchs. Bis er der Religion als 17-Jähriger den Rücken kehrte, besuchte er eine ultraorthodoxe Schule, in der fast nur religiöse Schriften gelehrt wurden. Englisch kam gar nicht vor, Mathe marginal: "Mit einer einfachen Gleichung hätte ich nichts anfangen können."

Israel ist bekannt als Start-up-Nation, stolz auf seine Spitzenleistungen in Wissenschaft und Innovation. Konzerne wie Apple, Cisco und Google unterhalten im Land Entwicklungszentren. Die technischen Fähigkeiten von Armee und Geheimdienst gelten als Weltklasse. Erwachsene, die an simplen Gleichungen scheitern, scheinen dazu nicht zu passen. Doch auch sie sind Teil der Geschichte. Und ein Problem für Israel.

Womöglich gar eine Bedrohung für die nationale Sicherheit, meint David Ben-David. Der 60-Jährige mit grauem Schnauzer und wachen blauen Augen forscht als Ökonom an der Universität von Tel Aviv. "Wir haben zwei Israels in einem", sagt er. "Eins ist die Start-up-Nation. Aber es gibt ein anderes Israel, das nicht die Instrumente bekommt, die es für eine moderne Wirtschaft braucht. Dieses andere Israel wächst und zieht alles mit sich herunter."

Zu Ben-Davids "anderem Israel" gehören die Ultraorthodoxen, aktuell elf Prozent der Bevölkerung, die ihre eigenen, nach Geschlechtern getrennten Schulen haben mit eigenen Lehrplänen, die das Studium religiöser Texte und Gesetze in den Mittelpunkt stellen. Mathe und Englisch werden bestenfalls flüchtig gestreift.

Aber auch in den staatlichen Schulen schwanken die Leistungen extrem – und sind im Durchschnitt bescheiden. So liegen die Leistungen israelischer Schüler in den Pisa-Studien weit unter dem OECD-Durchschnitt, in Naturwissenschaften etwa auf Platz 40 von 73 (Deutschland: Platz 16). Zudem offenbart Pisa eine enorme Leistungskluft zwischen verschiedenen Schülergruppen, die Ergebnisse variieren zwischen reichen und armen Schülern und zwischen jüdischen und arabischen. Israels arabische Minderheit macht etwa ein Fünftel der Bevölkerung aus und hat eigene, arabischsprachige Schulen. Betrachtet man die Leistung dieser Schüler separat, rutschen sie ans unterste Ende der Pisa-Rangliste. Sie liegen etwa auf dem Niveau von Entwicklungsländern wie Indonesien.

Die Gründe für die Schulkrise sind vielfältig, einer aber lässt sich leicht beziffern: Die Regierung spart an der Bildung. Israel gibt pro Schüler etwa 25 Prozent weniger aus als der OECD-Durchschnitt.

Ein sonniger Morgen in Rischon LeZion, einer Stadt südlich von Tel Aviv. An der Mittelschule sitzen 27 Siebtklässler in einem Raum, sie rufen Antworten, ohne sich zu melden, unterbrechen einander, fahren sich an: "Das hab ich zuerst gesagt!" Der 61-jährige Geschichtslehrer, eigentlich ein geduldiger Typ, muss oft "Ruhe!" rufen und auf den Tisch klopfen, um sich Gehör zu verschaffen. Als später die Pausenglocke ertönt, strömen die Mädchen und Jungen auf den lichtdurchfluteten Innenhof, auf dem es wild durcheinandergeht. "Victor!", brüllt ein Junge, als ein junger Lehrer vorbeiläuft: "Was war das denn für eine Klausur eben? Viel zu schwer!"

Als deutsche Schüler in der ersten Pisa-Studie 2000 in Mathematik nur den 20. Platz erreichten, löste das in Deutschland eine hysterische Debatte aus. In Israel blieb diese trotz der noch deutlich schlechteren Ergebnisse weitgehend aus. Dabei zeigen sie noch nicht einmal das ganze Bild: Denn die allermeisten ultraorthodoxen Schüler hatten nicht an den Vergleichstests teilgenommen – die Ergebnisse wären also noch miserabler. Zwar produziert das israelische Schulsystem anteilig ähnlich viele Überflieger wie andere reiche Länder. Doch die Gruppe der Schwächsten, die schon mit einfachsten Aufgaben hadern, ist wesentlich größer.

Ökonomieprofessor Ben-David versteht nicht, warum die Regierung nicht alles daransetzt, das zu ändern. "Dass arabische und ultraorthodoxe Schüler dramatisch schlechter ausgebildet sind, gefährdet unsere nationale Sicherheit", sagt er.

Die ultraorthodoxe Minderheit wächst dank einer Geburtenrate von 6,5 Kindern pro Frau deutlich schneller als die Mehrheitsgesellschaft. 2059 wird sie Hochrechnungen zufolge rund 27 Prozent der Bevölkerung ausmachen – und so den Anteil derer vergrößern, die nicht die nötigen Fähigkeiten haben, in der hoch entwickelten israelischen Wirtschaft Fuß zu fassen, sofern sie es überhaupt wollen.