An dem Tag vor den Sommerferien, als Neles Eltern mit ihrem Bruder Jannes nach Hause kommen, wird im Leben der Familie plötzlich alles anders. Die Ärzte haben bei Jannes eine seltene Krebsart in der Schulter festgestellt. Er braucht Medikamente, die sein Immunsystem schwächen. Als Vorsichtsmaßnahme muss die Familie das Haus in Leipzig umräumen, Teppiche und Pflanzen entsorgen – Jannes darf sich auf keinen Fall einen Krankheitserreger einfangen. Nele merkt bald, dass sich nicht nur das Haus verändert hat. Die Diagnose stellt das gesamte Familienleben auf den Kopf. Jannes’ Erkrankung ist auch für sie, das gesunde Geschwisterkind, eine große Belastung.

Die Beziehung zu den Geschwistern ist oft die längste Bindung im Leben eines Menschen. Brüder oder Schwestern können zu engen Verbündeten werden oder zu bitteren Konkurrenten. In jedem Fall sind sie Erprobungspartner für Konflikte und Sozialverhalten, das Ringen um die Aufmerksamkeit der Eltern ist eine tägliche Herausforderung. Eine schwere Erkrankung verändert die Spielregeln: Ab sofort bestimmt das kranke Kind, wie der Familienalltag aussieht.

Wie bei Neles Bruder. Die Medikamente setzen ihm zu, manchmal ist der gesamte Körper des Elfjährigen von Schmerz erfüllt. Von Neles Spielkamerad ist zu diesem Zeitpunkt kaum etwas übrig. Jannes bewegt sich nicht, lacht nicht, spricht nicht mit ihr. Sein Krebs bedeutet die Absage für den lang ersehnten Urlaub, den Besuch von Freunden – eine Absage an die Normalität. Neles Mutter widmet Jannes ihre ganze Freizeit. Der Vater arbeitet als Rettungssanitäter in 24-Stunden-Schichten, die Mutter hetzt als Physiotherapeutin zwischen Praxis und Wohnung hin und her.

In der Zeit nach der Diagnose und in den kritischen Phasen sind Eltern gedanklich oft ganz beim kranken Kind – verständlich, es braucht sie ja. Nur gilt das auch für das gesunde Kind. Doch immer wenn Nele in dieser Zeit auf ihre Mutter zugeht, hat sie den Eindruck, nicht gehört zu werden.

"Mama hat viel mit Jannes gemacht, und ich musste weg zu Freunden", sagt die Neunjährige. "Wenn sie sich zu Hause um ihn gekümmert hat, hat sie oft nicht mehr mit mir geredet. Da war ich so allein." Gesunden Geschwistern kommt es oft vor, als stünden sie isoliert dem Rest der Familie gegenüber.

Von derzeit gut 13 Millionen Kindern in Deutschland leben je nach Schätzung zwischen einer und zwei Millionen mit einem chronisch kranken oder behinderten Geschwisterkind zusammen. Dahinter stecken Gesundheitsprobleme wie Diabetes, aber auch körperliche und geistige Behinderungen und schwere Erkrankungen wie Krebs, die den Alltag der gesamten Familie prägen. Mehr als hunderttausend Geschwisterkinder benötigen vermutlich eine besondere, professionelle Betreuung. Sie brauchen beispielsweise Unterstützung dabei, mit Gefühlen wie Angst und Schuld umzugehen und ihre eigenen Wünsche zu äußern.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Das ist eine große Herausforderung: Gesunde Geschwister neigen dazu, ihre Gefühle zurückzuhalten, um die Eltern nicht zusätzlich zu belasten. Im Inneren kämpfen sie aber weiter mit sich und der Situation. Nele musste im Unterricht manchmal plötzlich weinen, blieb während der Sportstunde in der Umkleidekabine, weil Jannes operiert wurde und sie sich fragte, ob er stirbt.

Manche Geschwisterkinder bekommen in schwierigen Phasen Bauchweh, schlafen schlecht oder verlieren den Appetit. Hinter körperlichen Symptomen stecken oft unangenehme Emotionen wie Angst oder Wut. Dass solche Gefühle aufkommen, sei nur verständlich, sagt Florian Schepper, Psychologe und Familientherapeut am Uni-Klinikum Leipzig. Genau deshalb sollten sich die Kinder damit beschäftigen.