DIE ZEIT: Frau Andresen, Herr Rörig, Sie sprechen mit Menschen, denen bisher kaum einer zugehört hat: Opfern sexuellen Missbrauchs. Über Ihre Arbeit legen Sie nun einen ersten Bericht vor. Was steht darin?

Johannes-Wilhelm Rörig:Dieser Zwischenbericht erschüttert tief. Er zeigt, wie umfassend sexuelle Gewalt in der Gesellschaft verankert ist. Er nimmt uns alle in die Pflicht und fordert von der Politik mehr als nur Minimallösungen.

Sabine Andresen: Wir haben als Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs eineinhalb bewegende Jahre hinter uns mit vielen emotionalen Momenten. Wir sind an unsere Grenzen gestoßen, hatten immer wieder Zweifel. Umso schöner ist es, dass sich so viele Betroffene bei uns melden und Vertrauen in unsere Arbeit haben. Ihre Geschichten sind aufwühlend, berührend und für uns alle unverzichtbar.

ZEIT: Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs ist vor eineinhalb Jahren angetreten, um die Strukturen sexueller Gewalt in Familien und Institutionen zu untersuchen. Ihnen vertrauen sich Menschen an, die oft jahrzehntelang über ihr Schicksal geschwiegen haben. Wieso öffnen sie sich nun ausgerechnet Ihrer Kommission?

Andresen: Der Kern unserer Arbeit ist die vertrauliche Anhörung von Betroffenen. Aber auch von Angehörigen, die den Missbrauch eines Kindes in der Familie erlebt haben, oder beispielsweise von Lehrerinnen oder Erziehern, die darüber sprechen möchten, dass ein Kollege Kinder missbraucht hat. Wir wollen einen Raum schaffen, in dem Betroffene erzählen können, was ihnen geschehen ist, wie es mit ihrem Leben nach den Gewalterfahrungen weitergegangen ist, welche Hilfe sie bekommen haben – oder eben auch nicht. Aus diesen sehr persönlichen Geschichten versuchen wir Erkenntnisse zu sammeln, denn das ist unser Auftrag!

ZEIT: Erkenntnisse, die auch in konkrete Forschungsvorhaben einfließen. Worum geht es da?

Andresen: Zum Beispiel um die Frage, warum betroffenen Kindern und Jugendlichen in der Familie oft nicht geholfen wird und warum das Thema sexuelle Gewalt in der Erziehungswissenschaft bisher kaum eine Rolle gespielt hat. Damit befasst sich die Uni Frankfurt. An der Uni Rostock werden Täterstrategien erforscht. Selten handelt es sich um verirrte Einzeltäter. Oft gibt es ein System aus Methode, Mitwissern und passiven Unterstützern, sowohl in Einrichtungen als auch in der Familie. Das zeigt unser Zwischenbericht sehr deutlich.

ZEIT: Herr Rörig, Sie sind seit Dezember 2011 der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Ein Amt, das die Bundesregierung nach den Missbrauchsskandalen an der Odenwaldschule, im Kloster Ettal und am Canisius-Kolleg in Berlin geschaffen hat. Sie haben schnell gemerkt, dass es mehr als nur eine Person braucht, um für dieses Thema eine gesellschaftliche Aufmerksamkeit zu bekommen, die über die reine Skandalhysterie hinausreicht. Es dauerte jedoch Jahre, bis die Unabhängige Kommission ihre Arbeit aufnahm. Woran lag das?

Rörig: Es gleicht einem politischen Kunststück, dass die Aufarbeitungskommission überhaupt zustande gekommen ist. 2010, als die Missbrauchsskandale das Land erschütterten, hat das politische Berlin eher gehofft, das unangenehme Thema sexueller Missbrauch werde sich wieder in Luft auflösen. Ich aber war davon überzeugt, dass es eine Aufarbeitungskommission braucht. Ich habe zahlreiche Überzeugungsgespräche mit Regierung und Parlament geführt, versucht, Unverständnis und Widerstände zu überwinden. Im Koalitionsvertrag von Dezember 2013 stand dann schließlich der kurze, aber wichtige Satz, dass die große Koalition die unabhängige Aufarbeitung sicherstellen wolle. Ende 2014 hieß es, die Regierungsfraktionen begrüßten mein Vorhaben – im Juli 2015 wurde es schließlich im Bundestag beschlossen. Das war ein langer, steiniger Weg.

Andresen: Alle schauen gerne weg, wenn es um Missbrauch geht. Dabei ist sexueller Missbrauch keine Hypothek aus der Vergangenheit, sondern alltägliche Realität im Hier und Jetzt. Und wenn wir die Frage stellen, wie es sein kann, dass wir immer noch wegsehen, verdrängen und unsere Kinder zu wenig schützen – dann stoßen wir damit einen Prozess an, der sehr viel Zeit braucht.

ZEIT: Der Kommission liegen inzwischen fast 1.000 Anmeldungen für vertrauliche Anhörungen vor. Ihre Arbeit wurde allerdings bis März 2019 befristet, obwohl man davon ausgehen kann, dass diese Zeit nicht ausreichen wird, um allen Betroffenen gerecht zu werden. Die Kommission ist nicht befugt, in gewissen Fällen eine Akteneinsicht einzufordern oder selbst in Archiven zu recherchieren. Auch Vorladungen dürfen nicht ausgesprochen werden. Wie wirkungsvoll kann ihre Arbeit unter diesen Bedingungen überhaupt sein?

Andresen: Unsere Kommission hat deutliche Grenzen. Dennoch war es wichtig, mit der Arbeit zu beginnen. Aufarbeitung braucht einen langen Atem, also Zeit, Ressourcen, politischen Nachdruck, und – das möchte ich betonen – trotz der objektiven Beschränkungen brauchen wir Optimismus.

Rörig: Für mich steht fest, dass die Kommission eine Laufzeitverlängerung von mindestens fünf Jahren erhalten muss. Sie braucht auch eine kräftige Budgeterhöhung, um lange Wartezeiten für vertrauliche Anhörungen von Betroffenen zu vermeiden und weitere Forschung zu gewährleisten. Meint es die Politik mit der unabhängigen Aufarbeitung künftig ernst, wird sie zudem an gesetzlichen Befugnissen für die Kommission nicht vorbeikommen.