Die Transall ist jetzt in Schussweite libyscher Milizen, die mitgereisten Soldaten fordern alle Passagiere auf, sofort die Schutzwesten anzulegen. Keine leichte Übung, die Dinger wiegen um die zwanzig Kilo. Dennoch gehorchen alle brav, offenbar ist es doch ein bisschen gefährlich. Nur einer weigert sich: Sigmar Gabriel. Warum das, Herr Minister? Er wolle beim Aussteigen nicht in so ein Ding gezwängt Menschen die Hand schütteln, die ihrerseits ganz ungeschützt seien. Martialisch mag ein deutscher Außenminister nicht mal dann aussehen, wenn ihn schwer bewaffnete Bundeswehrsoldaten begleiten. Wobei selbst die hier wie verkleidete Violinenschüler aussehen. Sie tragen ihre Maschinengewehre nicht offen herum, sondern in schwarzen Geigentaschen. Wenn die Gefahr kommt – hoffentlich kommt sie nicht allzu schnell.

"Oh Gott, der Gabriel!" – Als die Nachricht das Auswärtige Amt erreichte, wer da künftig der Chef sein sollte, hielt sich die Begeisterung zunächst in Grenzen. Schließlich galt er gemeinhin – um es diplomatisch auszudrücken – als ziemlich undiplomatisch. Und das Amt am Werderschen Markt hatte sich daran gewöhnt, zu glauben, Frank-Walter Steinmeier habe nicht etwa einen ganz speziellen, einen ultradiplomatischen Stil, vielmehr dachte man, das sei eben die deutsche Außenpolitik, anders gehe es gar nicht, jedenfalls nicht besser. Und jetzt: "Der Gabriel!"

Es kam dann alles ganz anders: Nicht allein der Neue war neu, die ganze Außenpolitik wurde es, jeden Tag ein bisschen mehr, so sehr, dass mittlerweile kaum mehr klar ist, was das eigentlich sein soll, Außenpolitik. Die Sprache der Diplomatie ändert sich, weltweit, sie wird schneller, gröber und direkter, twitteriger. Die geopolitischen Grundlagen verschieben sich in rasendem Tempo, und in alldem auch die Rolle Deutschlands: Die Amis gehen, die Flüchtlinge kommen, die Russen drängen, um es auf eine Formel zu bringen. Eine andere lautet in den Worten des neuen Ministers: "Eines eint die Großmächte China, Russland und auch die USA – sie nehmen Europa nicht wahr. Manchmal versuchen sie auch, die Mitgliedsstaaten der EU regelrecht zu spalten." Ein dritter Aspekt, vielleicht der komplizierteste: "Als deutscher Außenminister wacht man morgens mit einem Führungsanspruch auf und geht abends damit ins Bett." Gabriel sagt das nicht, er seufzt es mehr, gemeint ist natürlich nicht der Anspruch, den er anderen gegenüber erhebt, sondern der, den andere an ihn richten. Mehr als je zuvor.

Diese fundamentale Verschiebung hat schon lange vor Gabriel begonnen, doch suchte sein Vorgänger das zuzudecken, mit herkömmlicher Diplomatie, um nicht zu sagen: mit Diplomatismus. Steinmeier war gewissermaßen der letzte Genscherist – er verkörperte das Beruhigende, das Undeutliche, die schöne Gewohnheit, erst einmal zu gucken, was die anderen machen, die Großen vor allem. Doch die Zeiten sind nicht mehr so. "Natürlich können wir alles mit unserer Diplomatie-Soße überziehen", sagt ein führender Beamter, "aber wir verlieren dann den Kontakt zur Realität." Dann lieber Neuland mit dem Neuen. Viele im Amt fühlen sich befreit. Gerade wird eine neue China-Abteilung aufgebaut, nur zum Beispiel.

Außenminister arbeiten, indem sie reisen, Gabriel nennt es: Erlebnisse sammeln.

12. April, später Abend in einem Belgrader Hotel. Der Minister hat soeben Geduld bewiesen, mehr als gewöhnlich, mehr als früher. Einem Journalisten, der ihn mit müdigkeitsbedingt ungenauen Fragen traktierte, erwiderte er irgendwann ganz ruhig und mit nur gehauchter Ironie: "Und wie würden Sie Ihre Frage beantworten?" Das ist neu an ihm, diese Ruhe, fast kein Poltern mehr. Nichts setzt einen Sozialdemokraten anscheinend mehr unter Druck, als SPD-Chef zu sein, davon ist Gabriel befreit an diesem Abend bei Nüssen und Cola light. Ein bisschen Glück gehört eben auch dazu: In dem Moment, da die deutsche Diplomatie entschieden mehr Direktheit braucht, lernt Gabriel ein bisschen mehr Diplomatie, man traf sich in der Mitte. Er erzählt dann noch von seinem ersten Nato-Außenminister-Treffen, wie sie alle gegenüber dem US-Außenminister so liebedienerisch waren, nur er und der Luxemburger hätten dagegengehalten.

Es gibt jetzt ein neues Wort im Auswärtigen Amt, es heißt "Selbstbehauptung". Ja, wirklich! Das sieht dann so aus: Moskau, 9. März, Pressebegegnung mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow. Der Mann ist vielleicht das Ausgebuffteste, Amüsanteste und Finsterste, was die internationale Diplomatie zu bieten hat, mit allen Wassern gewaschen, auch mit jenen, die nicht sauber machen. Lawrow gibt sich gegenüber dem Novizen aus Berlin von vornherein angriffslustig, lustvoll attackiert er den Westen, man kann das verstehen, wann, wenn nicht jetzt. Gabriel reagiert erst mal nett und gratuliert seinem russischen Kollegen zu dessen 13-jährigem Amtsjubiläum, das genau an diesem Tag ist.