Alfred Dorfer © Peter Rigaud

Seit einiger Zeit ist auffällig häufig die Rede von einem neuen Stil, der angeblich Einzug in die Politik gehalten hat. Es waren aber eher halbherzige Versuche. Etwa als die Volkspartei versuchte, konstruktive Mitarbeit vorzutäuschen, oder als sich die Freiheitlichen bemühten, staatsmännisch zu erscheinen. Die Grünen legten hingegen den Begriff sehr eigenwillig aus: Sie stießen in eine neue Dimension der Selbstzerfleischung vor. Doch nur die SPÖ bewies, was "neuer Stil" tatsächlich bedeutet. Dem Vernehmen nach soll es bei einer Sitzung zu Handgreiflichkeiten gekommen sein. Allerdings, und das ist das Aufregende, nicht gegenüber Vertretern einer anderen Fraktion, sondern es prallte Genosse auf Genosse. Raufereien zwischen verfeindeten Parteien kennt man ja bereits, beispielsweise aus dem türkischen oder dem ukrainischen Parlament. Das ist ein alter Hut, langweilig. Aber ein Ohrenreiberl oder eine g’sunde Watschn für die eigenen Parteifreunde, das ist wirklich ein eindeutig neuer Stil. Interessant vielleicht auch, dass diese Rangelei während einer Strategiesitzung stattfand. Dabei ging es um eine Mitgliederbefragung zu einer kontroversen Koalitionsvariante. Möglicherweise handelte es sich aber nur um den Probelauf für künftige Mehrheitsfindungen bei den Sozialdemokraten? Zwei Vertreter unterschiedlicher Standpunkte catchen öffentlich miteinander, und die Mitglieder, quasi die Punkterichter, bestimmen den Sieger. Der Begriff des "schlagenden Arguments" bekäme eine ganz neue Bedeutung. Auch das Prinzip der Gewaltentrennung würde somit eine radikale Interpretation erfahren. Die Emanzipation der Gewalt im Rahmen einer überkommenen Diskussionskultur spricht sicher vermehrt Leute an, die dafür eintreten, Lösungen auf ursprüngliche Art und Weise zu suchen. Gewalt ist eine Lösung. Und was machen die Roten? Sie rudern zurück, schweigen und faseln davon, dass der Konflikt bereinigt sei. Eine Jahrhundertchance ist vertan.