Der 25. Januar 2008 ist ein strahlender, bitterkalter Wintertag in St. Moritz. Bernie Bambury, britischer Elitesoldat, soeben unbeschadet aus dem Irak zurückgekehrt, wartet auf das Startsignal. 9.40 Uhr: "Bambury, to the box", knarrt es aus dem Lautsprecher. Eine Glocke bimmelt. Der 32-Jährige nimmt Anlauf, wirft sich kopfvoran auf seinen Skeleton-Schlitten und stürzt sich in den Kanal. Er beschleunigt auf über 100 Kilometer pro Stunde, den Kopf nur wenige Zentimeter über dem Eis. Es ist seine dritte Fahrt an diesem Tag.

Der Cresta Run ist seit über 125 Jahren ein beliebter Abenteuerspielplatz für britische Sportcracks. In der Natureisbahn, die sich von St. Moritz bis in die Ebene von Celerina schlängelt, rasen sie schneller, als es ihnen auf einer britischen Autobahn erlaubt ist. Doch wer seinen Schlitten nicht im Griff hat, spürt die Konsequenzen sofort: blaue Flecken, blutige Nase, ein gebrochenes Genick – oder er verliert einen Fuß.

Bambury ist ein erfahrener Cresta-Run-Fahrer. Problemlos meistert er die berühmt-berüchtigte Federball-Kurve "Shuttlecock", er rast unter einer Brücke durch, auf der Kinder stehen, und winkt ihnen zu. Dann die Kurve "Bulpetts" – und plötzlich schlingert sein Schlitten. Bambury verliert die Kontrolle. Sein Körper wirbelt in die Höhe und prallt auf ein messerscharfes Vierkantholz am Bahnrand, acht mal zwölf Zentimeter groß. An ihm sind die Blachen befestigt, die das Natureis vor der St. Moritzer Sonne schützen.

Für Bambury markiert der Holzpfosten sein Schicksal. Die scharfen Kanten reißen ihm seinen rechten Fuß ab, der samt Schuh durch den Kanal kullert, während Bambury weiter ins Ziel donnert.

Dann: Notfallarzt, Rega-Helikopter und Universitätsspital Zürich. Doch die Bemühungen der Chirurgen fruchten nichts, der Fuß ist ab. Seither trägt Bambury eine Prothese.

Die Horrorfahrt ist längst vergangen, die Phantomschmerzen am Beinstumpf bleiben – vor allem aber schmerzt den Irak-Veteranen: Er wartet bis heute auf ein rechtskräftiges Urteil.

Der Fall Bambury zeigt, wie schwer sich die Bündner Justiz mit Prozessen tut, die die wichtigste Einnahmequelle des Kantons betreffen – den Tourismus.

Und wie wichtig es ist, dass nicht nur einheimische Richter Recht sprechen, sondern auch fremde. In diesem Fall: die Richter in Lausanne, am Bundesgericht.

Sofort nach dem Unfall nimmt die Bündner Staatsanwaltschaft, Zweigstelle Samedan, ihre Untersuchungen auf. Nach eineinhalb Jahren kommt sie zum Schluss: Die Verantwortlichen des Cresta Runs trifft keinerlei Schuld. Selbst wenn diese realisiert hätten, wie gefährlich dieser Pfosten sei, hätte man sie nicht dazu verpflichten können, diesen zu verschieben, weil der Aufwand unverhältnismäßig gewesen wäre, schreibt die Staatsanwaltschaft. Der Fahrer selbst müsse solche Gefahren rechtzeitig erkennen – während er bäuchlings, die Nase nur knapp über dem Eis, mit über 100 Kilometer pro Stunde durch den Kanal rast.

So sah das auch David Payne, der damalige Sekretär des St. Moritz Tobogganing Clubs, welcher den Cresta Run betreibt. Einige Monate später sagt Payne selbstbewusst gegenüber der Neuen Zürcher Zeitung: "Bambury beging einen Fehler, den er nun bereut." Im Irakkrieg unversehrt, habe Bambury seine Grenze im Eiskanal eine Spur zu weit hinausgeschoben. Kurzum: Der Soldat habe damit sein Recht auf einen rechten Fuß selbstverschuldet verwirkt.