DIE ZEIT: Herr Oldenburg, Sie waren Digitalgründer und haben sich um Sozialunternehmen gekümmert. Und dann, im vergangenen Jahr, wurden Sie der Chef des Bundesverbandes der Deutschen Stiftungen. Hat Sie das auch so überrascht wie uns?

Felix Oldenburg: Ich war nur überrascht, wie gut das passte. Ich habe ja nie in meinem Leben einen Tag in einer Stiftung gearbeitet. Ich bin auch kein Jurist, dazu relativ jung. Alles eher ungewöhnlich. Aber jetzt gibt es viel zu verändern.

ZEIT: Warum gerade jetzt?

Oldenburg: In der Geschichte eines Sektors kommen immer mal wieder externe Schocks, die einen Veränderungsimpuls senden. Bei Stiftungen, die sehr frei und unabhängig sind, ist das selten. Jetzt haben wir einen solchen Moment.

ZEIT: Spielen Sie auf die fehlenden Zinsen an?

Oldenburg: Tatsächlich bringt die Lage auf den Anleihemärkten so manchen in Schwierigkeiten. Nur gut die Hälfte der kleinen Stiftungen glaubt, dass sie in diesem Jahr mit ihrem Ergebnis die Inflationsrate übertreffen. Da stellt sich dann die Frage: Wie produziere ich Wirkung und verwirkliche meinen Stiftungszweck? Dazu kommen Schocks im Ausland. In der Türkei, in Ungarn, Polen oder Russland gehören Stiftungen zu den ersten Opfern von Autokraten. Diese Gefahr spüren wir in Deutschland nicht, aber wir müssen aufpassen: Haltungen verändern sich schneller als früher. Auch unsere Stiftungen sind verwundbar durch Vorurteile und Populismus.

ZEIT: Sie sind als Querdenker geholt worden. Was heißt das in Ihrem Fall: quer denken?

Oldenburg: Ich kann Ihnen nur sagen, was mein Denken prägt. Es gibt einen unauflöslichen Zusammenhang zwischen Wirtschaftlichkeit und sozialer Wirkung, den Stiftungen besonders radikal verkörpern. Sie müssen ein Vermögen bewirtschaften, und sie müssen mit den Erträgen ihren Zweck erfüllen. Die eine Hand investiert, die andere Hand fördert. Und am besten tun sie das gemeinsam.

ZEIT: Gutes zu tun und wirtschaftlich zu handeln ergänzt sich. Doch viele Ihrer Mitglieder sehen das anders und denken bestimmt nicht ans Investieren, wenn es um die Philanthropie geht.

Oldenburg: Stimmt. Früher war es einfacher zu stiften. Man konnte eine Summe Geld nehmen, es sozusagen in die Steckdose stecken – in die Anleihemärkte –, und das Licht ging an. Ob man als Stiftung das Wort mag oder nicht: Heute muss man ernsthaft über das "Geschäftsmodell" nachdenken. Hut ab, wenn eine Stiftung heute noch aus Geldvermögen gute Erträge erwirtschaftet, aber dafür muss sie auch viel mehr in finanzielle Expertise investieren und viel anspruchsvoller gegenüber den Banken werden. Aber es gibt auch andere Vermögenswerte.

ZEIT: Andere Vermögenswerte?

Oldenburg: Gerade die alten Stiftungen sind ursprünglich Sozialinvestoren. Im Mittelalter gehörten zu ihrem Kapitalstock schon Hospitäler, Unis, Landwirtschaft. Die wurden über die Jahrhunderte ertragreich bewirtschaftet, sodass die Stiftungen schon mit ihrem Vermögen Wirkung erzielten. Diesen unternehmerischen Werkzeugkasten der Stiftungen müssen wir heute bei uns wieder entdecken. Das ist eine Riesenchance auf mehr Produktivität und Krisenresistenz.

ZEIT: Stiftungen sollen überlegen, ob sie in Krankenhäuser und Wohnhäuser investieren?

Oldenburg: Ja, aber nur wenige können das direkt. Vor allem für die kleinen Stiftungen fehlen die Anlagemöglichkeiten. Wir müssen die Nachfrage dafür zusammen bei den Banken erzeugen. Es geht nicht mehr, einfach Geld anzulegen und nicht einmal die Frage zu beantworten, was damit auf Finanzmärkten am anderen Ende der Welt geschieht.

ZEIT: Sagen wir, ein Stifter ist es gewohnt, eine Million im Jahr an Erträgen für einen guten Zweck ausgeben zu können. Jetzt bleiben die Erträge aus, aber der Zweck ist noch da. Was soll er tun?

Oldenburg: Erst mal kommt es darauf an, wie man eine Stiftung gründet. Deshalb fordern wir von der Politik, dass sie das Stiftungsrecht reformiert und zum Beispiel Stiftungen auf Zeit ermöglicht. Und Stifter sollen ihre Stiftungen zu Lebzeiten auch noch verändern können.

ZEIT: Überschätzen Sie nicht den Veränderungswillen der Stifter?

Oldenburg: Glaube ich nicht. Die meisten Stiftungen sind keine 20 Jahre alt. Oft ist das Stiftungswesen aber zu stark auf das fokussiert, was zu Zeiten der Gründung gut funktionierte. In den vergangenen Jahrzehnten waren das eben Anleihen. Aber das Stiften hat sich in der Geschichte immer wieder verändert. Jetzt wieder.

ZEIT: Deutsche Stiftungen haben gut 100 Milliarden Euro Vermögen, die mehr bewirken könnten, wenn sie effizient eingesetzt würden. Verstanden. Aber woran hapert es, was liegt hierzulande besonders im Argen?

Oldenburg: Stiftungen müssen beim Einsatz ihres Vermögens kreativer werden. Jetzt beginnen sie zu schauen: Gibt es nicht hier einen Kindergarten, da eine Unternehmung, die produktiv für die Gesellschaft sein können und in die ich investieren könnte? Oder: Kann ich meine Anlagepolitik so verändern, dass ich mehr Rendite bekomme, ohne schädliche Nebenwirkungen zu produzieren? Dafür müssen wir der Finanzbranche mehr abverlangen und können nicht mehr damit zufrieden sein, dass uns irgendwelche allgemeinen Stiftungsfonds angeboten werden. Vielmehr müssen die Banken uns erklären, was genau da drin ist und warum das dem Stiftungszweck dient. Finanzdienstleister mit einer Antwort darauf werden stärker nachgefragt. Aber an den vielen ohne Antwort wird die Suchbewegung der 100 Milliarden Euro vorbeigehen.

ZEIT: Sie fordern die Banken heraus?