Der Teufel sabotiert die göttliche Ordnung. Das hat er schon zu Anbeginn der Zeiten getan, als die Menschen noch ganz bei sich waren. Aber siehe, sie wollten gar nicht bei sich sein. Sie wollten versucht werden. Hier ist der Baum der Erkenntnis, wenn ihr von ihm esst, werdet ihr sein wie Gott, sagte der Teufel, und Eva, anstatt den Vorschlag gemäß dem göttlichen Gebot von sich zu weisen, antwortet: Okay!

Tja. So fing es an. Warum bloß reizt uns der Teufel also known as das Böse so, obwohl die schmerzhaften Konsequenzen der Attraktion reichlich bekannt sind? Die Antwort ist erschreckend simpel. Weil der Teufel der Mann ohne seinesgleichen ist. Er verspricht Höhenflüge und Genüsse, die das sogenannte Seelenheil plötzlich sehr sekundär werden lassen.

Die Paradiesszene aus dem Buch Genesis zeigt zweierlei. Zunächst: Der Teufel packt den Menschen bei seiner wichtigsten Eigenschaft, bei der Neugier, oder, wie Michel Foucault es formuliert hat, bei seinem Willen zum Wissen. Der Teufel verspricht Erkenntnis; sie ist das mächtigste Versprechen, das man geben kann. Sie ist enorm anziehend. Wer nicht neugierig ist, lebt bedeutend friedlicher. Neugier ist die Stelle, an der wir sterblich sind.

Zweitens illustriert der biblische Sündenfall die andere wichtige Eigenschaft jeder Teufelsbegegnung. Der Teufel tut nichts selbst, er versucht nur, er ist der größte In-Versuchung-Führer von allen. Machen muss man es dann alleine, das ist ganz wie mit Schokolade. Schokolade existiert in der Welt, aber davon nimmt man nicht zu. Essen muss man selbst.

Als er die Faszination von Schurken auf dem Theater erklärte, die er "Ungeheuer mit Majestät" nannte, schrieb Friedrich Schiller 1781 in seiner ersten Vorrede zu den Räubern, dass unmoralische Charaktere vonseiten des Geistes gewinnen müssen, was sie vonseiten des Herzens verlieren, damit sie überzeugen können. Das gilt natürlich für den Teufel ganz extrem. Er hat ja kein Herz. Aber er muss doch im Laufe der Jahrtausende ein unfassbares Wissen über den Menschen angesammelt haben. Man kann ihn sich nur klug vorstellen. Er ist gleichsam der Inbegriff der Sapiosexualität, und wir sind die Sapiosexuellen, die auf Wissen abfahren, auf die Aussicht, Einsicht zu erhalten. Der Teufel kennt alle geheimen Operationen der menschlichen Seele. Wer könnte ihm widerstehen?

Den düsteren Allwissenden, den Fürsten der Finsternis, den Herrn der Fliegen und so weiter, niemand hat ihn besser zu fassen bekommen als Thomas Harris in seiner Figur des Hannibal Lecter. Lecter ist Psychopath und, was wichtiger ist, Psychiater. Er kennt sie alle. Er verführt seine Patienten zu ganz abscheulichen Dingen, was ihn allein noch nicht zum Faszinosum machen würde. Leider mag er auch Dante, kocht irre gut, schätzt teure Anzüge, ist die Schlagfertigkeit selbst und steht auf Streichquartette. Malen kann er ebenfalls. Seine Widersacherin, die FBI-Agentin Clarice Starling, eine wirklich liebe Seele, wehrt sich zwei Filme lang, aber am Ende sinkt sie, in einer herrlichen Szene vor einem brummenden Kühlschrank, doch zum Kuss in seine Arme. Das ist schauerlich anzusehen, aber irgendwie doch – interessant.

Von Doktor Lecter ausgehend lässt sich eine betörende Eigenschaft des Teufels herauspräparieren. Der Teufel ist immer elegant. Eleganz ist seine zweite Natur. Eleganz ist so eine Art erlernte Anmut, aber plus Berechnung. Ihr haftet immer schon etwas Manipulatives an. Wer der große Verführer der Menschheit sein will, der kann nur gewieft und elegant sein, plump verfängt nicht.

Damit müssen wir uns Al Pacino zuwenden. Auch Al Pacino hat den Teufel bereits gespielt. In Im Auftrag des Teufels verführt er als Chef einer Anwaltskanzlei den schon von sich aus leicht versauten Anwalt Kevin Lomax zu niederträchtiger Prozessführung, was in der Folge unter anderem das Familienleben des jungen Mannes völlig zerstört. Lomax hat das kommen sehen. Er macht aber weiter, mit Vollgas ins Verhängnis. "Ich bin die Hand unter Mona Lisas Rock", sagt der Teufel einmal zu Lomax, und der Lehrling muss zugeben, dass er das schon auch gern wäre. Während er diese vulgäre Mona-Lisa-Bemerkung fallen lässt, schaut Pacino mit seinem klassisch schönen Statuengesicht so edel und gleichzeitig so verschlagen aus wie ein römischer Senator, der sich gerade entschlossen hat, an der mordlustigen Verschwörung gegen Cäsar teilzunehmen.

Der Teufel ist ein guter Schauspieler, deshalb sind Schauspieler auch so gute Teufel. Die Frage, wie dieser Teufel eigentlich in die (westliche) Welt kam, gibt seit Langem Anlass für theologische Debatten. Die jüdisch-christliche Vorstellung von der Existenz nur eines einzigen Gottes ist schuld. Wenn deus nämlich caritas est, wie kann es dann sein, dass das Böse in der Welt offensichtlich existiert? Das Böse, das dem Schöpfer schon wegen des Prinzips von Ursache und Wirkung eigen sein muss, wird im Laufe der biblischen Erzählungen abgespalten. Im Alten Testament straft Gott noch und stiftet den Menschen zu unangenehmen Taten an. Schon in den Evangelien ist es dann Satan, der dem einen liebenden Vater diese Verführungsaufgabe abnimmt. Der Monotheismus gebiert seinen Teufel also selbst.