1968 schlug sie Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger ins Gesicht und nannte ihn einen Nazi. Begegnung mit einer Rebellin, die von der Studentenbewegung enttäuscht war.

Was ist eine prophetische Tat? Es ist eine Tat, die in die Zukunft weist, Verhältnisse radikal ändern will. Die Propheten des Alten Testaments waren keine Vorhersager – sie waren Rebellen, die sich erdrückenden politischen Zuständen entgegenstemmten. Sie sprachen unerhörte Wahrheiten aus und brachten das Unsagbare zur Sprache. Sie setzten Zeichen durch verstörende Handlungen. Die prophetische Tat ist revolutionär und von hoher öffentlicher Durchschlagskraft. Ein Tabubruch, ohne Zerstörungswut – friedlich und konstruktiv, auch bei modernen Propheten.

Die Traum-Rede des schwarzen Rebellen Martin Luther King und sein Kniefall 1965 in Selma angesichts der Front aufmarschierter Polizeikräfte waren solche Taten. Die riskanten, lebensgefährlichen Manöver der Umweltschützer von der Rainbow Warrior, die sich auf allen Weltmeeren den Atommüllbooten und Robbenfängerschiffen entgegenwarfen.

Oder der berühmte Schlag, den die 27-jährige Beate Klarsfeld am 7. November 1968 auf dem CDU-Parteitag dem damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger versetzte – mitten ins Gesicht. "Nazi, Nazi!", schrie sie dabei.

1968, als sie den Kanzler ins Gesicht schlug, war die Aktivistin Beate schon mit dem jüdischen Rechtsanwalt Serge Klarsfeld verheiratet, und er ist es auch, der an diesem herrlichen Frühlingstag in Paris die Tür öffnet. Sie sind jetzt seit 57 Jahren ein Paar. Monsieur Klarsfeld ist ein freundlicher älterer Herr mit spärlichem weißem Haar, der kein Deutsch spricht. Hinter seinem Schreibtisch hängt aber eingerahmt die Seite 1 einer deutschen Boulevardzeitung vom 8. November 1968. Eine halbe Seite hoch das Gesicht seiner jungen Frau, eingerahmt von einem weißen Kopftuch. Daneben in gigantischen Lettern: "Sie ohrfeigte den Bundeskanzler!"

Beate Klarsfeld kommt etwas später hinzu, sie war noch beim Zahnarzt. Eine kleine, zerbrechliche Erscheinung, die in ihrem vollgestopften Büro Platz nimmt, von dem aus sie sich immer noch der Dokumentation des Holocausts und den Nachkommen von Holocaust-Opfern widmet. Mit ihrem Mann spürte sie über Jahrzehnte NS-Verbrechern nach, die von der deutschen Politik und Justiz unbehelligt geblieben waren. Auch Klaus Barbie, der "Schlächter von Lyon", und Kurt Lischka, der Gestapo-Chef von Paris, die für den Tod Tausender Juden verantwortlich waren, wurden schließlich durch die Anstrengungen der Klarsfelds zur Rechenschaft gezogen. Alles hatte das Paar darangesetzt, dieser Mörder doch noch habhaft zu werden.

In den letzten Jahren setzte Beate Klarsfeld sich obendrein für die Verfolgung der Völkermörder aus Ruanda ein, die in Europa untergetaucht sind. 2012 ist sie von den Linken als Kandidatin für das Amt des deutschen Bundespräsidenten vorgeschlagen worden, unterlag aber – wenig überraschend – gegen den Favoriten Joachim Gauck. Der war es dann aber, der ihr und Serge drei Jahre später das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verlieh: für ihren "Einsatz gegen Antisemitismus und für die Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen".

Beate Klarsfeld selber versteht die Auszeichnung dagegen eher als verspätete Antwort auf ihre prophetische Tat von einst. "Ich habe gefühlt, dass ich das für Deutschland und um die Ehre Deutschlands zu retten, tun musste", bekannte sie anschließend ein bisschen pathetisch, "ich habe die Fackel des Widerstandes an mich gerissen und trage sie weiter." Es müsse doch ein paar Deutsche geben, die nicht bloß alles unter den Teppich kehrten.

Ihre Tat hat Beate Klarsfeld damals international berühmt gemacht. Sie stand in allen Zeitungen. Heute könnte man sagen, das Leben dieser Frau beruht auf einer Ohrfeige. "Das war das Beste, was du in deinem Leben gemacht hast", sagte Serge danach zu ihr. "Die Deutschen werden dich dafür würdigen – aber erst wenn du alt bist." Jetzt ist sie 78 Jahre alt und hochdekoriert. Serge hat recht behalten.

Der Backenstreich war lange vorbereitet worden. Über Wochen hatte Beate Klarsfeld nach einer Gelegenheit gesucht, an den Kanzler Kiesinger heranzukommen, um ihn in aller Öffentlichkeit zu beschämen. Ihre Ehe mit dem französischen Juden Serge, dessen Vater in Auschwitz umgekommen war und in den sie sich 1960 auf einem Pariser Bahnsteig auf den ersten Blick verliebt hatte, hatte der jungen Deutschen aus Berlin die Augen geöffnet. Die Tatsache, dass ihr Land 23 Jahre nach dem Untergang der Nationalsozialisten wieder von einem Mann regiert werden konnte, der von 1933 bis 1945 Mitglied der NSDAP gewesen war und zuletzt einen leitenden Posten im Propagandaministerium des Joseph Goebbels innegehabt hatte, schien ihr unerträglich. "Wo liegt der Unterschied zwischen Kiesinger und einem Vollstrecker in Auschwitz?", fragt sie später in ihrer Autobiografie Erinnerungen. Und antwortet: "Der Vollstrecker ist ein sadistischer Befehlsempfänger. Derjenige aber, der in anderen Sadismus weckt und Verleumdung über ein Volk verbreitet, von dem er weiß, dass es der Auslöschung geweiht ist, trägt die größere Verantwortung an dem beispiellosen Verbrechen der Shoah."