Zu Beginn von Julia Wolfs Roman Walter Nowak bleibt liegen prallt der titelgebende Rentner, der bei Wind und Wetter sein allmorgendliches Schwimmtraining im Freibad absolviert, ungebremst gegen die Beckenwand. Angestachelt von dem Ehrgeiz, der jungen athletischen Schwimmerin neben ihm zu zeigen, zu welchen Höchstleistungen er noch fähig ist, hat er die Wende verpasst. Dass der alte Herr indes bereits sehr viel grundsätzlicher aus der Bahn geworfen worden ist, wird umso deutlicher, je beharrlicher und notorischer Nowak nun monologisierend die eigene Virilität reklamiert. Genauso wie außer Frage steht, dass Nowaks Reden auch ein Ansprechen gegen den eigenen Tod ist – die Kopfverletzung ist offenkundig sehr viel schwerer, als er es wahrhaben will.

Julia Wolf, Jahrgang 1980, erzählt über den Prototyp des gegen Kriegsende geborenen Mannes, über ihre Vätergeneration mithin. Selbstgefällig blickt Nowak auf eine Existenz, die er durch Disziplin aufgebaut hat. Blind ist er nicht nur für die Belange seiner Mitmenschen, sondern vor allem dafür, dass seine vermeintlichen Tugenden und seine Attraktivität mittlerweile überholt sind. Dass Nowak sich, bevor er ins Schwimmbecken steigt, mit Ohrstöpseln und Badekappe gegen die Wirklichkeit abdichtet, ist nur einer von zahlreichen Hinweisen, vermittels derer Julia Wolf die Verfasstheit ihres Protagonisten charakterisiert. Und ähnlich wie die Tatsache, dass er ausgerechnet durch das Kräftemessen mit einer jungen Frau ins Straucheln gerät, die ihn zudem entfernt an seine Frau in deren jungen Jahren erinnert, sind diese Illustrationen in der Mehrzahl einigermaßen grob und wenig subtil geraten.

Fast könnte der Verdacht aufkommen, jener Mann, der da bald hilflos auf den Fliesen des heimischen Badezimmers liegt, wohin er es gerade noch geschafft hat, solle vorgeführt werden. Mitleid mit dem Versehrten jedenfalls will sich nicht recht einstellen.

Das mag auch damit zusammenhängen, dass Julia Wolf zwar einen Typus Mann dekonstruieren will, aber selbst eben kaum mehr als Stereotype zutage fördert, je weiter sie Nowak sich in seinem Monolog biografisch zurücktasten lässt. Die Rede vom ungeduldigen Stochern in der Vergangenheit kommt dem abgehackten, recht bald enervierenden Ton des Romans allerdings näher. Da ist das Elvis-Presley-Autogramm, das Nowak als Junge für seine alleinerziehende Mutter ersteht, da ist die Affäre mit der Sekretärin, über die seine erste Frau Tränen auf den Weihnachtsbraten vergießt. Und da ist die Jovialität, mit der er jede Kränkung überspielt: das zerrüttete Verhältnis zum eigenen Sohn etwa.

Dass Nowaks wiederholt explizierte Fixierung auf Frauen mit baumelndem Pferdeschwanz mit dem eigenen gegen seinen Willen allenfalls baumelnden Gemächt korreliert, kommt dabei über einen schmerzhaft quietschenden Herrenwitz kaum hinaus. Selbst im Gewand von Rollenprosa sind solche Plumpheiten nur schwer erträglich.

Die Zeit alternder Lustmolche ist vorüber, auch wenn wir ihr Testosteron-Gebrabbel noch eine kleine Weile ertragen müssen. Dagegen ist selbstverständlich rein gar nichts einzuwenden. Es bleibt aber zugleich die Frage, ob Julia Wolf sich in ihrem zweiten Roman nicht einen etwas zu schmalbrüstigen Sparringspartner ausgesucht hat.

Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen. Roman; Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2017; 200 S.; 21 Euro, als E-Book 14,99 Euro