Pete Seeger hat es schon früh geahnt: "Where have all the flowers gone?", sang er 1955 und nahm damit kongenial die moderne Forschung vorweg. Denn auch die fragt heute bang: Wo sind all die Blumen hin? Aus den Popsongs sind sie jedenfalls in den vergangenen fünfzig Jahren immer mehr verschwunden, wie zwei Psychologinnen diagnostizieren.

Aber nicht nur von Blumen wird weniger gesungen; auch Bäume, Vögel und Naturphänomene wie Regenbögen, Flüsse oder Wolken finden kaum noch Erwähnung. Man versuche sich nur einmal einstige Erfolgstitel wie Singin’ in the Rain oder Mein Freund der Baum in den aktuellen Charts vorzustellen. Solch naturnahes Liedgut wirkt auf heutige Hörer ähnlich arglos-anachronistisch wie die filmischen Naturdramen des ewigen Bergburschen Luis Trenker.

Der Trend ist eindeutig: In der Populärkultur ist eine "zunehmende Entfremdung von der Natur" nachweisbar. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie im Fachblatt Perspectives in Psychological Science. Darin stellen die Schwestern Selin und Pelin Kesebir die Ergebnisse einer groß angelegten Datenrecherche vor, die bis ins Jahr 1900 zurückreicht und die Häufigkeit von Naturbezügen in Popsongs, Romanen und Filmen untersucht. In allen Genres zeigt sich dabei dieselbe Entwicklung: Mit dem Thema Natur geht es in Musik, Literatur und Film stetig bergab.

Für die Forscherinnen hat das eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung. Denn die Sujets der Popkultur fungierten als eine Art Barometer, das die jeweilige soziale Stimmung anzeigt. Und die beschäftige sich offenbar immer weniger mit Vögeln, Bäumen oder anderen Naturthemen.

Den Anstoß für die Studie gab ein Streit um die Jugendausgabe des berühmten Oxford Dictionary im Jahr 2015. In einem offenen Brief an die Herausgeber des Junior-Lexikons protestierten damals bekannte Autoren gegen die veränderte Auswahl der Begriffe: Viele Wörter mit Naturbezug waren gestrichen worden – etwa Kanarienvogel, Klee oder Brombeere (engl. blackberry) –, um Platz zu schaffen für neue, moderne Technikbegriffe wie Blog, Voicemail und, genau: BlackBerry (das Smartphone).

Die Psychologinnen Kesebir vermuteten dahinter eine generelle Entwicklung und begannen ihre große Begriffssuche. Zunächst wählten sie in vier Kategorien (Bäume, Blumen, Vögel und allgemeine Naturphänomene) 186 typisch naturnahe Wörter aus und analysierten dann mit entsprechenden Suchmaschinen deren relative Häufigkeit in Tausenden von Werken. So durchsuchten sie etwa 6.000 Liedtexte und mindestens ebenso viele Drehbücher und Romane, die seit 1900 verfasst worden waren. Zum Vergleich analysierten sie die Häufigkeit von Begriffen der künstlichen Umwelt wie Haus, Tür, Vorhang, Tisch oder Wand.

Ergebnis: Seit den fünfziger Jahren schwinden kontinuierlich die Naturbezüge, wobei es am stärksten mit den Blumen abwärtsgeht. Eine Ausnahme bilden die siebziger Jahre: Da schlägt sich die Flower-Power-Zeit auch in der Kultur nieder, die Songtexte handeln plötzlich wieder deutlich häufiger von naturnahen Themen – ein kurzfristiger Anstieg, der Anfang der achtziger Jahre schon wieder vorbei war.

Wie ist der generelle Trend zu erklären? Eine Ursache ist wohl die zunehmende Urbanisierung. Je mehr Menschen in Städten leben, desto weniger wird von Bäumen und Flüssen gesungen. Doch das erklärt nicht die verschärfte Abwärtsentwicklung seit den fünfziger Jahren. Für diesen Knick machen die Kesebirs den technischen Fortschritt als Ursache aus, "insbesondere die Zunahme an häuslichen und virtuellen Erholungsmöglichkeiten" – die Einführung des Fernsehens, später der Videospiele und des Internets. Zugleich sind Künstler und Publikum miteinander verbunden wie die Henne und das Ei: Autoren und Musiker schreiben über jene Lebenswelten, die ihr Publikum interessieren – und Leser und Zuhörer wiederum interessieren sich für das, worüber Künstler schreiben.

Wer angesichts solcher Erkenntnisse den Blues bekommt, mag sich mit Bob Dylan trösten. Der Songpoet und Nobelpreisträger, aufgewachsen im ländlichen Staate Minnesota, kommt laut einer früheren Studie auf eine herausragende Naturquote. In fast einem Drittel seiner Songs spielt das Wetter eine Rolle, insbesondere Wind und Sonne. Er wusste, wohin die Blumen verschwunden sind: Sie sind, wie so vieles, blowin’ in the wind.

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