Was ist besser als ein rauschender Wirtschaftsboom? Stetiges, aber dafür lange anhaltendes Wachstum! Wenn die jüngste Prognose der Industrieländerorganisation OECD zutrifft, könnte Europa gerade diese zweite, bessere Form eines Aufschwungs erleben. Nicht spektakulär, nicht rauschhaft, aber stabil.

Dass Europas Volkswirtschaften überhaupt wachsen, ist schon bemerkenswert. Schließlich beherrschen seit Jahren all die Krisenherde und drohenden Abgründe die Schlagzeilen: Griechenland, der Brexit, die Le-Pen-oder-Macron-Wahl in Frankreich. Doch nun scheinen nicht nur politisch einige größere Dramen überwunden zu sein – in den Niederlanden erlebte der Rechtspopulist Geert Wilders eine Niederlage, in Frankreich Front-National-Chefin Marine Le Pen, in Deutschland schrumpft die AfD. Auch ökonomisch bewegt sich der Kontinent wieder in ruhigerem Fahrwasser. Es geht wirtschaftlich wieder voran, nicht mit solchem Schwung wie in Stromschnellen, aber dafür auch nicht mit einem Wasserfall in Sichtweite.

So lässt sich jedenfalls – trotz Risiken – die OECD-Prognose lesen. Danach wächst die Wirtschaft der Euro-Zone in diesem und im kommenden Jahr um 1,8 Prozent, nach 1,9 und 1,7 Prozent in den Jahren zuvor. Die Konjunkturprognose der EU-Kommission für die gesamte Union, also nicht nur die Euro-Mitglieder, ist ähnlich. Der Erholungskurs, der entgegen vielen Krisen-Schlagzeilen schon länger im Gang ist, setzt sich offenbar fort. Nicht spektakulär, aber stetig.

Besonders erfreulich an diesen Aussichten: Sie betreffen nicht nur eine bestimmte Gruppe von Ländern. Die Wirtschaft in der EU wächst nicht bloß im Durchschnitt, sondern tatsächlich in ausnahmslos allen Mitgliedstaaten, selbst in Griechenland. Schon im vergangenen Jahr wies nur Athen noch ein minimales Minus aus (minus 0,1 Prozent). Für das laufende Jahr ist den Experten zufolge erstmals seit langer Zeit beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) aller EU-Staaten ein Plus zu erwarten.

Die größte Dynamik dürften weiterhin einige mittel- und osteuropäische Staaten entfalten, etwa Polen, Ungarn und Slowenien, ebenso wie die baltischen Republiken. Aber auch einige der am schlimmsten von der Finanzkrise getroffenen Länder Südeuropas setzen offenbar ihren 2014 begonnenen Erholungskurs fort, Portugals Wirtschaft soll in diesem Jahr um 2,1 Prozent wachsen, Spaniens um 2,8 Prozent und Irlands um 3,7 Prozent.

Deutschland bewegt sich im europaweiten Vergleich wie schon 2015 und 2016 im Mittelfeld: Spektakulär ist nicht, wie das BIP an Größe zunimmt (2017 voraussichtlich um 2,0 Prozent), sondern wie die Arbeitslosigkeit immer kleiner wird (2017 soll die Arbeitslosenquote nach OECD-Maßstab auf 3,8 Prozent sinken). Auch in Spanien und Portugal geht die Zahl der Erwerbslosen zurück, doch von deutschen Verhältnissen sind sie weit entfernt. So soll Spaniens Arbeitslosenquote in diesem Jahr auf 16 Prozent fallen. Vor drei Jahren lag sie noch bei über 24 Prozent.

Ein Wermutstropfen in all den verbesserten Daten ist, dass sich am untersten Ende des Wachstums-Rankings für 2017 neben Griechenland zwei ökonomische Schwergewichte befinden. Italien bildet das Schlusslicht (Prognose: 1,0 Prozent Wachstum) hinter Griechenland (1,1 Prozent) und Frankreich (1,3 Prozent). Immerhin geht es auch in diesen Ländern jetzt offenbar voran. Doch die drei Staaten am Tabellenende zeigen auch, wo die Gefahren lauern.

Griechenlands Entwicklung hängt kurzfristig davon ab, ob sich die EU-Institutionen und der Internationale Währungsfonds auf ein neues Hilfsprogramm verständigen können. Selbst dann ist aber offen, ob sich das Land über all die von außen aufgezwungenen Reform- und Sparmaßnahmen wirklich langfristig sanieren lässt. In Italien mischt der als Reformer gescheiterte Ex-Premier Matteo Renzi zwar wieder im politischen Geschäft mit. Aber außer einer neuerlichen Änderung des Wahlrechts (zurück zur früher geltenden Verhältniswahl) ist im Land kein großer Veränderungswille erkennbar.

Erholung mit Sternchen

Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts in Prozent

© ZEIT-GRAFIK/Quelle: OECD

Am ehesten macht Frankreich Hoffnung, weil die Bewegung des neu gewählten Präsidenten Emmanuel Macron auf eine absolute Mehrheit im Parlament zusteuert. Er könnte seinem Land tatsächlich neue Impulse geben und das Wirtschaftssystem reformieren.

Zu den Risiken, die einer fortgesetzten Erholung in Europa entgegenstehen, gehören noch immer der Brexit und die unkalkulierbare Handelspolitik Donald Trumps. Das größte Risiko kommt nicht von außen, sondern aus dem Maschinenraum der EU selbst. Bisher fördert die Europäische Zentralbank (EZB) mit ihrer ultralockeren Zinspolitik das Wachstum und bewahrt hochverschuldete Mitgliedsländer durch den Ankauf von Staatsanleihen vor steigenden Kreditkosten. Zu einem nicht genau bestimmbaren Maß geht die Erholung in Europa auf das Konto der EZB-Politik.

Was passiert, wenn sie ihren Kurs ändert? Sie wird ihn bald ändern müssen, denn die Inflation bewegt sich auf die offiziell angepeilte Zielgröße von knapp unter zwei Prozent zu. Zwar will die EZB ihren ultralockeren Kurs auch nur ultralangsam korrigieren, aber stark verschuldeten und zugleich wachstumsschwachen Ländern könnte selbst das Probleme bereiten. Macron versucht deshalb aus gutem Grund, möglichst schnell Reformen voranzutreiben. Frankreich, Italien und Griechenland müssen den derzeitigen Aufwind nutzen, um ihre Wirtschaftsstrukturen zu verbessern. Nur dann könnte tatsächlich gelingen, dass Europa weiter so wächst – nicht spektakulär, aber stetig.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio