Falls Superheld ein Beruf ist, dann ist klar: Eine Frau muss immer noch besser sein, um den gleichen Status wie ein Mann zu erreichen. Vielleicht ist Superheld doch eher Schicksal. Was das anbelangt, hat es die nun verfilmte Comic-Figur Wonder Woman schwer erwischt. Sie ist geworfen aus einer irgendwie altgriechischen Amazonenwelt in die Wirren des Ersten Weltkrieges. Und damit ins Desaster kapitalistischer, militärtechnizistischer, protestantisch-verklemmter Männlichkeit. Man weiß nie, ob Wonder Woman diese Welt vor deren Feinden bewahren muss. Oder doch eher vor sich selbst.

Vor nicht allzu langer Zeit waren Superhelden ja noch eine Randerscheinung des globalen Blockbuster-Kinos: eine cineastische Relektüre der Mythenwelten, die uns in die Kindheit schienen, wie in den Superman-Filmen der späten siebziger Jahre oder in Tim Burtons dunklen Märchen um Batman. Dass sich die Superhelden-Filme dann häuften, ließ noch nicht erwarten, dass sie zum vorherrschenden Genre des neuen Jahrtausends werden würden. Experimentierfelder der computer generated images, Unterhaltung für die ganze Familie, universale Action-Spektakel und – bemerkenswerterweise – auch reichlich Stoff für die kritischen Diskurse. Batman gegen Slavoj Žižek; Iron Man als Modell für Kapitalismuskritik und Kapitalismuskritik-Kritik, die X-Men als Metapher für die Einsamkeit des Subjekts und die sozialen Mechaniken der Exklusion und so weiter. Natürlich kann man sie ignorieren – diese endlosen Zerstörungsorgien, diese lächerlichen Kostüme, diesen radikalen Bruch mit der äußeren Wirklichkeit –, aber dann ignoriert man eben auch ein bemerkenswertes Segment der Sinnstiftung unserer Tage.

William Moulton Marston, der zusammen mit seiner Frau, Elizabeth Holloway Marston, die Urform des Lügendetektors entwickelt hatte, erkannte im Comic zu Beginn der vierziger Jahre die Möglichkeit, positive Leitbilder zu vermitteln. Die Marstons bezeichneten sich selbst als Feministen und ließen ein wenig vom "Polyamoren" ihrer Lebenspraxis in ihre Schöpfung einfließen: Wonder Woman. Das war mehr als einfach nur eine weibliche Besetzung des Comic-Helden mit magischen Kräften. Diese Frau, die sich im amerikanischen Alltag Diana Prince nannte, war Tochter der griechischen Götterwelt und Mitglied einer Amazonenkultur. Die Geschichte, wie sie dann auf die Erde kam, um hier mit einem "Lasso der Wahrheit" und in einem von der amerikanischen Flagge inspirierten Kostüm für Schutz und Gerechtigkeit zu sorgen, wurde mehrfach neu erzählt. Was blieb, war der feministische Ansatz, die Idee von "Wahrheit" (Diana war sozusagen ein lebender Lügendetektor) und die erotische Ambiguität.

Wie die meisten Superhelden führt Wonder Woman ein nomadisches, multimediales Leben, zwischen Comics, Games und Kino, als Mitglied einer Superhelden-Gruppe (Justice League) und als Einzelkämpferin, in Gastauftritten (Batman v Superman) und nun, endlich, nach allerlei Produktionskonflikten, in ihrem eigenen Film. Nach einer eher länglichen ersten halben Stunde auf der Amazoneninsel Themyscira kommt dieser auch in Fahrt, sobald der amerikanische Spion Steve Trevor (Chris Pine) mit seinem abgeschossenen Flugzeug und seinem Waschbrettbauch ins Wasser stürzt – verfolgt von einem Kriegsschiff der deutschen Marine. Wonder Woman wird erfahren, dass es den Ersten Weltkrieg gibt. Und dass es um Frauenrechte jenseits der Insel nicht sonderlich gut bestellt ist.

Die meisten Superheldinnen stellen unter Beweis, dass Frauen diesen Job ebenso erfüllen können wie Männer. Wonder Woman aber funktioniert auf der Leinwand anders: Sie wird zur Superheldin, nicht obwohl, sondern weil sie Frau ist. Ihr Nebenjob ist es, das Genre aus seiner Erstarrung als liberal perforierte Jungsfantasie zu erlösen. Sie stellt die Frage, ob Kriegerinnen mehr für den Frieden tun können als ihre männlichen Widerparts. Und sie fragt, was wichtiger ist: ein Schwert oder ein Lasso der Wahrheit.

In Patty Jenkins’ Film spielt die israelische Schauspielerin, Exsoldatin und einstige Miss Israel Gal Gadot den Part der Superheldin. Der Film darf im Libanon und in Tunesien nicht gezeigt werden. Rania Masri von der Campaign to Boycott Supporters of Israel–Lebanon erklärte kategorisch: "First and foremost she is Israeli. We don’t distinguish between a good Israeli and a bad Israeli." Gal Gadot, die aus ihrer patriotischen Gesinnung nie einen Hehl machte, ist als Wonder Woman auch als Metapher des israelischen Widerstands gegen eine Welt von Feinden zu verstehen, als Kriegerin, die erkannt hat, dass mit der Gegenseite (hier dem deutschen Kaiserreich und dem Kriegsgott Ares, dort mit Hamas) nicht zu reden ist. Aber auch eine allgemeinere Botschaft lässt sich erkennen: Das weibliche Kriegertum bindet sich an das Endziel des Friedens.

Patty Jenkins hat zuvor den Film Monster gedreht: die wahre Geschichte der Serienmörderin Aileen Wuornos und ihrer Geliebten Selby, gespielt mit wunderbarem Mut von Charlize Theron und Christina Ricci. Danach tauchte Jenkins in der Abteilung gediegenes Handwerk in gehobener Serienproduktion ab. Wonder Woman ist ihre Rückkehr auf die große Leinwand, und der Film zeugt von ebenjenem Zwiespalt, den auch die Heldin umtreibt: Außenseitertum gegen Anpassung, Genderstudie gegen Action-Orgie, die Komplexität der Hauptfigur gegen routinierte Spezialeffekte. Dennoch scheint Wonder Woman gerade das Genre der Superhelden-Erzählung vor der endgültigen Auflösung in Selbstreflexion, Bedeutungshuberei und Merchandising-Kniffe zu retten. Durch ein gerade noch marktverträgliches Maß an Eigensinn und überraschender Entspanntheit.