Es ist ein unscheinbarer Ort, an dem Yanis Varoufakis die Revolution in Europa plant – und sein Comeback als Politiker. Seine Bewegung DiEM25 hat in einer Athener Seitenstraße Quartier bezogen; an den Wänden hängen Plakate, darauf ein grimmig guckender Varoufakis, der gegen die Abschottung Europas wettert und für mehr Transparenz in der Politik wirbt. Vor Kurzem hat er ein Buch veröffentlicht ("Adults in the Room", Bodley Head), in dem er auf mehr als 500 Seiten seine fünf Monate als griechischer Finanzminister seziert – und seine Auseinandersetzungen mit den anderen europäischen Finanzministern bis zu seinem Rücktritt im Juli 2015. Es ist eine lesenswerte Enthüllung, auch wenn sich Varoufakis darin als tapferer Held darstellt, der im Dienste der Wahrheit steht. Ganz so einfach ist es am Ende nicht – genauso wenig wie der Lebenslauf, den Varoufakis in den kommenden anderthalb Stunden auf ein Stück Papier malen wird.

ZEIT: Sie bezeichnen sich neuerdings als Whistleblower, als heldenhafter Enthüller, der Missstände unter hohem persönlichem Risiko öffentlich macht. Ist das nicht arg hoch gegriffen?

Yanis Varoufakis: Bin ich etwa kein Whistleblower? Dank mir wissen Sie jetzt, was in den Sitzungen der Euro-Gruppe wirklich passiert: Dinge, die Sie vorher nicht wussten, aber als Bürger Deutschlands wissen sollten. Denn es geht um Ihr Geld und Ihre Zukunft, genau wie um meine. Wenn diese Transparenz fehlt, dann profitieren Rechtspopulisten wie Marine Le Pen und Parteien wie die AfD.

ZEIT: Ihr Buch basiert auch auf Audiomitschnitten, die Sie während der nicht öffentlichen Sitzungen aufgenommen haben. Ein gewaltiger Vertrauensbruch, oder?

Varoufakis: Ich hatte eine moralische Pflicht, diese Gespräche aufzunehmen – weil ich mich hinterher im Parlament und in den Medien für mein Verhalten rechtfertigen musste. Und weil es keine Protokolle von den Sitzungen gibt. Jeder Teilnehmer kommt mit einer eigenen Version aus dem Saal, es wird gelogen und geleakt, das ist toxisch für Europa.

ZEIT: Warum veröffentlichen Sie die Bänder dann nicht in voller Länge?

Varoufakis: Vielleicht mache ich das noch! Aber viele Aussagen könnten manchen Menschen schaden. Menschen, die mich nicht mögen und die ich nicht mag. Aber nicht alle ihrer Aussagen sind von öffentlichem Interesse.

ZEIT: Woher wollen Sie wissen, was im öffentlichen Interesse ist?

Varoufakis: Es gibt keine Formel dafür – da muss jeder sein eigenes Urteilsvermögen benutzen.

ZEIT: Sie haben sich öffentlich als Minister ohne Krawatte und mit Motorrad präsentiert ...

Varoufakis: Mich hat es enttäuscht, dass den Medien mein Auftreten wichtiger war als die Substanz meiner Vorschläge. Ich hatte ja schon immer ein Motorrad, ich habe nie Krawatte getragen. Und wenn ich getan hätte, was Wolfgang Schäuble und die anderen wollten, dann wäre ich ganz anders präsentiert worden.

ZEIT: Und das kam für Sie nie infrage?

Varoufakis: Die Auflagen, die Griechenland 2015 gemacht wurden, waren schlecht für Griechenland – und für die Gläubiger selbst! Sie haben uns 85 Milliarden Euro geliehen – einem bankrotten Land. Und in diesem Sommer kriegen wir weitere 7,5 Milliarden, um sie an die Europäische Zentralbank (EZB) und den Europäischen Stabilitätsmechanismus zurückzuzahlen. Das Geld wandert von der einen Tasche der Gläubiger in die andere.

ZEIT: Für ein weiteres Reformpaket, das Griechenland auf die Beine helfen soll.

Varoufakis: Wenn man die Renten noch weiter kürzt, ist das doch keine Reform! Viele Haushalte werden hungern, weniger Geld ausgeben. Geschäfte gehen pleite, Menschen werden arbeitslos, es fließt noch weniger Geld in die Rentenkasse. Das ist eine sich selbst verstärkende Katastrophe. Da können Sie auch eine Bombe werfen, damit drücken Sie auch die Rentenkosten!

Da ist er wieder: Der inbrünstige Varoufakis. Hat er überhaupt verwunden, wie ihn die anderen Minister isolierten und am Ende auch der griechische Premierminister Alexis Tsipras fallen ließ? Varoufakis zeichnet seine Glückskurve, sie bricht das erste Mal ein, als er in den 1980er Jahren zum Studium nach England zieht. Großbritannien empfand er zur Zeit der konservativen Premierministerin Maggie Thatcher als trostlos. Ende der 1980er wächst sein Glück wieder, er zieht nach Sydney und lernt dort seine erste Ehefrau kennen. Doch 2005, kurz nach der Geburt der gemeinsamen Tochter Xenia, bricht die Ehe auseinander. Varoufakis lebt fortan von beiden getrennt. "Das war der tiefste Tiefpunkt", sagt er und verlängert die Linie nach unten. Erst als er die Künstlerin Danae Stratou kennenlernt, geht es wieder aufwärts – auch noch in seiner Zeit als Finanzminister. "Ich war müde, gestresst, manchmal verzweifelt, aber ich war nicht unglücklich", sagt Varoufakis, "weil ich sicher war, dass ich das Richtige tue."

ZEIT: Wenn man mit Menschen hier in Athen spricht, sind die trotzdem kritisch: Sie halten Sie für einen Gewinner der Krise.

Varoufakis: Ich muss mich für nichts entschuldigen! Tsipras hat mich gebeten, Finanzminister zu werden. Ich habe immer gesagt, was ich vorhabe. Und als er sich am Ende doch den Gläubigern ergeben hat, bin ich zurückgetreten – eine ziemlich ehrenvolle Art zu gehen. Angesichts der Tatsache, wie giftig die Medien zu mir waren, empfinde ich die Wärme der Menschen auf der Straße als ziemlich befriedigend.