DIE ZEIT: Herr Lengfeld, Sie haben herausgefunden, dass AfD-Wähler nicht, wie das früher angenommen wurde, in erster Linie die Abgehängten der Gesellschaft sind.

Holger Lengfeld: Ja! Unsere Studie zeigt: Es gibt unter AfD-Wählern sogar mehr Menschen mit überdurchschnittlichem Einkommen als bei mancher anderen Partei. Die potenziellen AfD-Wähler sind jedenfalls nicht allein das, was man gemeinhin "kleine Leute" nennt. Die gibt es auch. Aber die AfD hat Unterstützer in der gesamten Bevölkerung: Arbeiter, Angestellte, Akademiker. Personen mit mittlerem Schulabschluss sind unter AfD-Wählern sogar etwas stärker vertreten als bei anderen Parteien. Wähler mit niedrigem Schulabschluss und Einkommen finden Sie eher bei der NPD.

ZEIT: Woher stammen Ihre Zahlen?

Lengfeld: Wir hatten die Möglichkeit, umfangreiche Rohdaten neuer repräsentativer Meinungsumfragen statistisch auszuwerten. Damit können wir Zusammenhänge zwischen sozialem Status und der Wahlabsicht der Bürger aufspüren. Das Ergebnis hat mich selbst überrascht: Wenn Menschen die AfD unterstützen, dann oft nicht aus ökonomischen Gründen. Sondern, so banal das klingt, weil sie gegen die Flüchtlingspolitik der Regierung und die etablierten Parteien protestieren wollen. Die Leute sagen, dass sie gute Gründe hätten, AfD zu wählen – und die haben in der Regel nichts mit Wirtschafts- oder Sozialpolitik zu tun. Was die AfD dort fordert, ist sowieso eher eine verschärfte Variante dessen, was früher mal die FDP wollte. Mehr freien Markt, nicht weniger, und viel weniger Umverteilung. Mir scheint, das ist den potenziellen AfD-Wählern entweder völlig egal, oder sie wissen es gar nicht.

ZEIT: SPD-Politiker wollen der AfD im Osten mit sozialer Gerechtigkeit das Wasser abgraben.

Lengfeld: Die Annahme, man könnte der AfD potenzielle Wähler abluchsen, indem man für mehr Umverteilung sorgt, halte ich für einen Fehlschluss – und das ist ein zentrales Ergebnis unserer Untersuchung. Jemand, der die AfD gut findet, wird nicht zur SPD wechseln, weil die die größeren sozialen Versprechungen macht. Nein: AfD-Wähler wissen genau, wofür ihre Partei politisch steht.

ZEIT: Die AfD verliert aber an Zustimmung.

Lengfeld: Stimmt. Das liegt eher daran, dass die Partei sich radikalisiert. Sie erlebt einen innerparteilichen Wandel im Schnelldurchlauf, rutscht weiter nach rechts. Einer der Markenkerne der AfD ist die Politik der Exklusion. Die Partei neigt dazu, immer diejenigen nach oben zu spülen, die das noch ein bisschen radikaler vertreten. Offenbar verschreckt diese Radikalisierung bürgerliche Wähler, Leute wie André Poggenburg scheinen der Mehrheitsfähigkeit nicht zuträglich zu sein.

ZEIT: Scheitert die AfD noch am Bundestag?

Lengfeld: Eine Partei ist immer gut beraten, zwischen ihren Flügeln ein Gleichgewicht zu schaffen. Der AfD gelingt das nicht. Ob sie es in den Bundestag schafft, kann man deshalb überhaupt noch nicht sagen.