Kuratieren ist undemokratisch, autoritär und korrupt. Ohne Angabe von Gründen, ohne Diskussion wählen Kuratoren ihre Künstler aus und entscheiden, was wo und wie gezeigt wird. Wie kommt es, dass ausgerechnet in der Kunstwelt, in der doch sonst auf Freiheit so viel Wert gelegt wird, Ausstellungsautokraten derart viel Macht zugebilligt wird?

Die Auswirkungen der Kuratierepidemie beschränken sich nicht auf die einzelne Ausstellung. Sie betreffen den ganzen Kunstbetrieb. Seit kuratiert wird, was noch gar nicht so lange der Fall ist, haben sich Künstler dem neuen Regime angepasst. Sie bieten ihre Werke nun unter allerlei thematischen Aspekten an, da Kuratoren gerne ein Thema für ihre Ausstellung wählen.

Heraus kommt eine Kunst "über etwas". Längst überwunden geglaubte Auftragsverhältnisse kehren zurück. Formell sind die Künstler autonom, sie können machen, was sie wollen. Aber die Kuratoren können das eben auch. Mit dem feinen Unterschied, dass Letztere entscheiden, was ausgestellt wird.

Kuratoren sind nicht rechenschaftspflichtig, schon gar nicht sind sie dem Publikum verpflichtet. Da allerdings die Geldmittel fürs Ausstellen knapper werden, hilft es, wenn Galerien und Sammler ihnen zur Seite springen. Das führt dazu, dass viele Ausstellungen zu Werbeveranstaltungen des Kunstmarktes herunterkommen.

Wo die öffentliche Hand noch zahlt, gehört es zum guten Ton, den politischen Konsens zu bedienen. Kunstwerke "über etwas" haben immerhin den Vorteil, dass sie sich nicht ganz vom Rest der Welt abwenden und in abstrakte Schwelgerei abgleiten wie die späte Moderne. So kommt es, dass wir Großausstellung um Großausstellung voller Kunst sehen, die sich mit Immigranten, mit Randgruppen, mit prekären Lebensumständen, mit Geschlechterverhältnissen, mit unterdrückten Völkern und Umweltproblemen beschäftigt. Alles ehrenwerte, gute und wichtige Themen, aber alles kuratiert und serviert, ohne dass irgendjemand bei der Auswahl hätte mitreden können. Könnten wir nicht ein wenig von der menschenfreundlichen und fortschrittlichen Haltung nach innen kehren und zur Demokratisierung des Kunstbetriebs nutzen?

Anstatt Auswahl und Kriterien öffentlich zu diskutieren, werden Künstlerlisten als Staatsgeheimnis behandelt. Dagegen gilt Vermittlung den Kuratoren als das dringendste Problem. Kein Wunder, denn wenn autokratische Herrscher ihre Entscheidungen dem Volk verkaufen wollen, ist Vermittlung das A und O. Wie bringen wir, so die Ausgangsfrage, unsere Untergebenen dazu, die ohne Zweifel stets gut gemeinte Willkür unseres Regimes zu akzeptierten? Mit Vermittlung.

Die Kritik lässt sich willig vor diesen Vermittlungskarren spannen. Schließlich hat sie sonst keine Bedeutung mehr. Dem Kurator kann sie egal sein. Er hat seinen Job gemacht. Und seit Betrachter zum bloßen Objekt der Vermittlung degradiert werden, schert sich keiner mehr um ihre Ansichten. Ohne Macht ist Kritik zum reinen Ornament herabgesunken. In Kunstmagazinen füllt sie die Seiten zwischen den Anzeigen. Wie die im Kunstumfeld handelsübliche Theorie hat sie sich in weiten Teilen darauf zurückgezogen, das Wirken der Kuratoren mit einer dekorativen philosophischen Blütenlese zu umkränzen.

Beteiligt die Betrachter!

Dass es anders geht, sollten Kunsthistoriker wissen. Ausstellungsmachen war nicht immer das Geschäft von Autokraten. Es gab eine Zeit, da hatten Kuratoren den vergleichsweise seriösen Job, die Sammlungen eines Museums zu pflegen, zu kurieren, im Wortsinn. Große Ausstellungen wie zum Beispiel die ersten Ausgaben der Documenta dienten dazu, die aktuelle Gegenwartskunst zu dokumentieren. Freilich wurden sie kuratiert, aber es gab Kriterien. Und über diese Kriterien wurde gestritten. Seit das Kuratieren dagegen zur Obsession von Einzelnen verkam, haben sich die Kriterien verflüchtigt und die Diskussionen auch.

Als Vorläufer des heutigen Kurators werden meistens zwei Personen genannt, der in Hannover während der zwanziger und dreißiger Jahre tätige Alexander Dorner und Willem Sandberg, der als Grafiker zum Stedelijk Museum in Amsterdam kam und dort vor und nach dem Weltkrieg das moderne Kuratieren mit erfand. Der entscheidende Umschwung kam mit der Documenta von 1972, als Harald Szeemann die kuratorische Selbstherrlichkeit in all ihrer Pracht zelebrierte.

Es gab durchaus Künstler, denen die Dramatik dieser Machtentfaltung nicht entging. Daniel Buren warnte, dass von nun an nicht mehr Kunst, sondern die Ausstellung ausgestellt werde, womit sich der Kurator zum eigentlichen Künstler erkläre. Noch schärfer äußerte sich Robert Smithson in seinem Aufsatz Cultural Confinement : "Kulturbeschränkung findet statt, wenn ein Kurator eine Kunstausstellung thematisch eingrenzt, statt die Künstler zu bitten, ihre eigenen Grenzen zu setzen. Man erwartet von ihnen, sich in betrügerische Kategorien zu fügen. Einige Künstler bilden sich ein, diesen Mechanismus im Griff zu haben, während er in Wirklichkeit sie im Griff hat. Damit unterstützen sie ein Kulturgefängnis, das sich ihrer Kontrolle entzieht."

Wie konnte es zu dieser Machtfülle in den Händen der Kuratoren kommen? Die meisten Museen wurden um und nach 1800 gegründet, um den neuen Nationalstaaten eine kulturelle Identität zu geben. Anderthalb Jahrhunderte später wurden Staaten in reine Wirtschaftseinheiten umgeformt. Die kulturelle Identität überließ man dem Konsum. Das Sammeln von Kunst wurde zusehends privatisiert, wie alles mögliche andere auch. Damit verloren die alten Museen ihre Aufgabe. Sinkende Budgets zwangen sie, das Sammeln einzuschränken. Stattdessen setzten sie auf temporäre Wechselausstellungen. Als Agenten dieses Con-Temporären kamen die Kuratoren.

Was könnte an die Stelle des Kuratierens treten? Die alten Museen und ihre Sammlungen kommen nicht wieder zurück. Künstlervereine haben ihren progressiven Impuls längst verloren. Doch vielleicht könnte es gelingen, sie wiederzubeleben, wenn sie wieder an Macht gewännen. Vom Sonderbund in Düsseldorf und Köln oder von den Sezessionen in München, Wien und Berlin gingen einst die produktivsten Impulse aus. Dank ihrer Arbeit war die frühe Moderne von kollektiv kuratierten und öffentlich debattierten Ausstellungen geprägt. Warum sollte das heute nicht erneut gelingen?

Zudem sollte man erwägen, auch die Betrachter einzubeziehen, all jene, die sich für Kunst interessieren. Wie das ginge? Das kann sich ernsthaft nur fragen, wer noch nie mit sozialen Medien in Berührung gekommen ist. Auf allen Plattformen sind es die Leute längst gewohnt, ihre eigenen Playlists anzulegen, selbst zu entscheiden, welchen Freunden sie folgen, welche Bilder sie posten und was für Kunst sie auf Instagram hervorheben. Mit kuratierten Inhalten gibt sich dort kein Mensch mehr zufrieden. Daher sind die Museen, Kunstvereine und Kuratoren dringend gefordert: Überwindet das Kuratieren, beteiligt die Betrachter, demokratisiert das Ausstellen!