Der Mann, der das Bargeld der Deutschen zu retten versucht, hat ruhige Hände. Frank Herzog, ein kompakter Mann mit zerlöcherter Jeans und kurzen grauen Haaren, beugt sich über ein Mikroskop. In der rechten Hand hält er ein Messerchen, in der linken etwas, was mal zwei 500-Euro-Scheine waren. Sie sind zusammengepappt, Herzog trennt sie, vorsichtig, mit kleinen Schnitten. Sie sind wellig, als hätten sie länger im Wasser gelegen, und braun und eingerissen an den Rändern. Ein ganzer Haufen solcher 500er liegt hinter Herzog in einem Holzkasten. Daneben ein weiterer Kasten mit orange-braunen Schnipseln: 50-Euro-Scheine, klein geschnipselt in zig Stücke.

Herzog ist Geldscheinretter. Gemeinsam mit einem guten Dutzend Kollegen arbeitet er im Nationalen Analysezentrum für beschädigtes Bargeld der Bundesbank in Mainz. In seiner Abteilung ist er der Mann für die kniffligen Fälle. Zu ihm gelangen Scheine, die angesengt sind, weil sie auf der Herdplatte lagen, die in Wasser gerieten oder in den Müll, die zerschnitten, zerrissen oder geschreddert wurden. Herzog bastelt sie wieder zusammen. Ist mehr als die Hälfte eines Scheins vorhanden und wurde er nicht mit Absicht zerstört, dann bekommt der Besitzer das Geld zurück. Das kostet nichts. Für die Bundesbank ist das ein Dienst, der das Vertrauen der Menschen in das Bargeld stärkt.

Die Deutschen lieben ihr Bargeld, viele horten es sogar zu Hause. Die zusammengepappten 500er, die Herzog repariert, 20.000 Euro insgesamt, hatte der Einsender in seinem Garten vergraben. "Das ist immer gefährlich", sagt Herzog. Manchmal packen Leute das Geld in Tupperdosen und darin noch mal in Plastiktüten, und es wird trotzdem feucht. Dann kommen Bakterien, Pilze, dann ist es aus.

Mehr als 30.000 Fälle haben die Geldscheinretter im Jahr. Oft können sie helfen. Jetzt aber droht ein Angriff, gegen den Herzog machtlos ist. Nicht Feuer oder Schimmel sind es, die die Scheine vernichten könnten, sondern Banker und Ökonomen. Und es geht nicht nur um im Garten verbuddelte Reserven, es geht um das Bargeld an sich.

Noch steht es in Deutschland jedem frei, sein komplettes Vermögen in bar vom Konto abzuheben. Aber diese Freiheit ist in Gefahr. Eine Allianz von Ökonomen, Politikern und Bankern arbeitet daran, Münzen und Scheine in die Bedeutungslosigkeit zu verdrängen. Stattdessen sollen wir künftig mit Karte bezahlen oder über Apps auf dem Handy. In vielen Ländern gibt es schon Obergrenzen für Bargeldzahlungen, es werden große Scheine abgeschafft wie der 500er in ganz Europa oder kleine Münzen wie bald in Italien.

Dabei sind mächtige Interessen am Werk. Banken wollen Münzen und Scheine loswerden, weil deren Bereitstellung teuer für sie ist. Politiker wollen sie zurückdrängen, weil Kriminelle anonyme Scheine zur Abrechnung ihrer Geschäfte mögen. Und für Notenbanker ist eine Welt ohne Bargeld ohnehin eine Art Erlösungsfantasie: Wenn die Menschen ihr Vermögen nicht mehr als Bargeld unter die Matratze legen können, dann wird es leichter, negative Zinsen durchzusetzen und die Wirtschaft zu kontrollieren. Die Menschen können solchen Strafzinsen nämlich derzeit ausweichen, indem sie das Geld einfach abheben. Ohne Bargeld ginge das nicht mehr. Dann könnte der Zins weiter ins Negative sinken, wenn das den Notenbankern sinnvoll erscheint. Die Menschen müssten dann entweder wirklich Strafzins zahlen – oder investieren: in Immobilien, Gold, Aktien, Rohstoffe, alles Dinge, die in ihrem Wert stärker schwanken als Bargeld; in sie zu investieren hat den Nebeneffekt, dass, weichen alle darauf aus, der Preis steigt.

Es sind vor allem Ökonomen und Banker, die diese Revolution ganz öffentlich befürworten. Etwa der Chef der Deutschen Bank John Cryan. Der sagte im vergangenen Jahr in Davos: "In zehn Jahren wird Bargeld wahrscheinlich nicht mehr existieren. Es ist einfach schrecklich ineffizient."

Einer der energischsten Anti-Bargeld-Aktivisten ist der Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff. Ginge es nach ihm, würden die Zentralbanken nach und nach die Scheine aus dem Verkehr ziehen; erst die großen, dann weitere – bis es nur noch ein kleiner Schritt ist, das Bargeld ganz abzuschaffen. Rogoff hat seine Argumente in einem Buch gesammelt, das den Untertitel trägt: Warum unser Bargeld verschwinden wird. Wenn man mit Rogoff darüber spricht, dann lamentiert er erst einmal lange darüber, wie viel Hass ihm seit der Veröffentlichung entgegenschlägt; dass er das Bargeld doch nicht sofort nächstes Jahr abschaffen wolle, sondern Schritt für Schritt; dass er selbst Bargeld möge, heute Morgen erst habe er einen Kaffee damit bezahlt.

Das ändert allerdings nichts daran, dass er der festen Überzeugung ist, dass die Menschen, die viel Bargeld besitzen, dies so gut wie immer aus illegalen Gründen tun. Wenn er seine Kritiker anrufe und frage, wieso sie denn unbedingt Bargeld bräuchten, dann würden die verdächtig still, erzählt Rogoff. "Für Kriminelle ist eben nichts so gut wie Cash." Ohne Bargeld, glaubt er, könne man Geldwäsche und Steuerhinterziehung, Korruption und organisierte Kriminalität eindämmen. Außerdem lobt auch er den Vorteil einer Welt ohne Bargeld für die Notenbanken.

Die Zentralbanker sind in der Öffentlichkeit zurückhaltend, wenn es um das Thema geht. Zu genau wissen sie, wie labil das Vertrauen ins Papiergeld ist, als dass sie es mit unbedachten Worten gefährden würden. Doch ihre Institutionen arbeiten längst an Methoden, die das Bargeld zumindest teilweise ersetzen könnten. Viele experimentieren mit der Technik, die es für das sogenannte E-Bargeld braucht. Das hat mit Bargeld eigentlich nichts mehr zu tun. Es ist elektronisches Geld, allerdings ist es eine Forderung gegen die Notenbank wie das Bargeld. Bislang hat es noch kein Land eingeführt, aber die Idee wird heiß diskutiert.