Ganz am Ende, nachdem seine Anwälte zwei Stunden lang plädiert haben, nachdem von "irren Vorwürfen" und "Blödsinn" die Rede war, bricht Bülent Çiftliks Stimme. Ob er noch etwas sagen wolle, fragt der Vorsitzende Richter. Aus Çiftliks Mund kommt nur Unverständliches. Wie bitte? "Nein, ich möchte nichts sagen", nuschelt der Angeklagte. So sieht ein Mann aus, der Angst hat.

Es sind Bülent Çiftliks letzte Worte vor dem Urteil. Drei Tage später, am vergangenen Montag, erscheint er ein letztes Mal im Landgericht, flankiert von seinen beiden Anwälten, sichtlich angespannt und doch um Haltung bemüht. Die Sonne scheint, draußen sind es an die 28 Grad. In Saal 390 ist die Luft verbraucht und schwer. Das passt. Hier drinnen wird gerade über den beispiellosen Fall eines einstigen politischen Hoffnungsträgers der Stadt entschieden.

Die Vergangenheit reißt ihn mit Wucht aus der Gegenwart.

Ein letztes Mal versucht Çiftlik so zu tun, als habe er mit den ungeheuerlichen Vorwürfen nichts zu tun. Reglos nimmt er sein Urteil entgegen: zwei Jahre und sechs Monate Haft. Ein halbes Jahr, so urteilt die Große Strafkammer 6, gilt wegen der langen Dauer des Verfahrens als verbüßt, zwei Jahre aber soll er noch im Gefängnis absitzen. Ohne Bewährung. Die Angst war angebracht.

Obama von Altona. So hat man Çiftlik einst genannt. Er galt als Hoffnungsträger der SPD, für die er 2008 fast aus dem Stand heraus in die Bürgerschaft einzog. Er war Lichtgestalt einer ganzen Generation türkischstämmiger Migranten in Hamburg. Damals war er Mitte 30, ihm stand eine große Karriere bevor, die SPD machte ihm eilfertig den Weg frei. So einen konnte sie gut gebrauchen.

Er hat alles verspielt.

Çiftlik wird eine ganze Reihe von Straftaten vorgeworfen: Er habe eine Scheinehe angestiftet, Zeugen zu Falschaussagen veranlasst, seine ehemalige Geliebte zu einer falschen eidesstattlichen Erklärung genötigt und außerdem widerrechtlich Daten ausgespäht. Und warum? Weil er seine Karriere als aufstrebender Politiker nicht gefährden wollte. Davon ist die Strafkammer überzeugt. "Sein schneller politischer Erfolg ist zum Leitfaden seiner Tathandlung geworden", sagt der Vorsitzende Richter in der Urteilsbegründung. "Es ging ihm darum, das erreichte Ziel, als Politiker Erfolg zu haben, zu verteidigen."

Es war ein langer Prozess. Seit Oktober 2015 hat er sich hingezogen. 66 Tage wurde verhandelt, 54 Zeugen wurden gehört.

Als der Prozess vor eineinhalb Jahren losging, hatte Çiftlik die Journalisten vor dem Gerichtssaal noch begrüßt wie alte Freunde. Hatte während der Verhandlung offen in die Runde geblickt und auf dem Laptop seiner Anwältin mitgetippt, als sei er selbst der Verteidiger. Hatte Zuversicht ausgestrahlt, trotz der gewaltigen Vorwürfe und der zähen Prozessmonate, die da schon hinter ihm lagen: 2010 hatte ihn das Amtsgericht St. Georg wegen der Anstiftung zur Scheinehe zu einer Geldstrafe von 12.000 Euro verurteilt. Ein erster Prozess vor dem Landgericht war nach 16 Monaten geplatzt, Çiftlik saß nach einem Verkehrsunfall im Urlaub in Indien fest.

Jetzt, nach einer fast zweijährigen Pause, ging das Ganze vor einer anderen Strafkammer von vorn los – dennoch schien es zunächst, als mache ihm das nicht viel aus.

Dabei war von Anfang an klar: Çiftlik konnte nichts mehr gewinnen in diesem Prozess. Egal, wie das Urteil ausfallen würde – es würde ein persönliches Drama für ihn. Neun Jahre sind vergangen, seit er auf dem Weg nach oben ganz nach unten abstürzte. Sein Leben ist weitergegangen in der Zwischenzeit, wenn auch sicher ganz anders als jemals gedacht. Er hat geheiratet und in Ottensen ein kleines Lokal eröffnet, direkt neben seinem früheren Abgeordnetenbüro. Mit dem Aufstieg von einst hat sein Alltag nichts mehr zu tun. Die Gefängnisstrafe wirft ihn um Jahre zurück. Dass die ihm ernsthaft drohte, stand spätestens nach dem Plädoyer des Staatsanwaltes Ende Mai fest. Der hatte sogar dreieinhalb Jahre Haft verlangt.

Was war passiert?

Çiftlik ist vor Jahren naiv in eine zunächst eher harmlose Geschichte hineingestolpert und hat sich immer tiefer darin verstrickt. Der Ursprung war die Vermittlung der Scheinehe zwischen seiner früheren Geliebten Nicole D. und einem Freund. Çiftlik hat das damals als Gefallen für seinen Bekannten eingefädelt, der sonst nicht in Deutschland hätte bleiben können. Er hatte gar kein persönliches Interesse, sein Motiv war Freundschaft. Aber die Sache flog auf, weil ein Sachbearbeiter der Ausländerbehörde misstrauisch war. Damit wurde aus einem kleinen Fehler Çiftliks das Drama seines Lebens.