DIE ZEIT: Herr Lindner, in NRW ist Schwarz-Gelb zurück. Bundesweit läuft es auch gut für die FDP. Ist das die Rückkehr des Neoliberalismus?

Christian Lindner: Mit dem Comeback der Freien Demokraten werden die Gedanken von Liberalität und Individualität wieder stärker.

ZEIT: Sie sagen liberal statt neoliberal. Wieso?

Lindner: Das Wort neoliberal hat sich von seiner ursprünglichen Bedeutung völlig entfernt und ist ein deformierter Streitbegriff geworden. Joachim Gauck hat einmal versucht, den Begriff zu rehabilitieren. Er ist damit nicht durchgedrungen.

ZEIT: Auf einer Skala von 0 bis 10: Wie sehr ärgert es Sie, wenn jemand Sie den "neoliberalen Christian Lindner" nennt?

Lindner: Ach, es gäbe schlimmere Vorwürfe.

ZEIT: Also sagen wir: eine 4?

Lindner: Nein, wer das Wort als Vorwurf nutzt, blamiert sich doch vor jedem informierten Publikum. Anders als manche glauben machen, war Neoliberalismus ja gerade nie der Gedanke, dass der Markt alles allein richte. Der neue Liberalismus forderte vielmehr einen starken Staat als Schiedsrichter, der in Markt und Gesellschaft die Freiheit jedes Einzelnen verteidigt. Indem zum Beispiel mächtige Monopole zerschlagen werden.

ZEIT: Wenn Sie nicht neoliberal genannt werden wollen: Ist dann marktliberal das bessere Wort oder wirtschaftsliberal?

Lindner: Ich kann mit diesen Adjektiven nichts anfangen.

ZEIT: Was ist mit sozialliberal?

Lindner: Auch ein Tarnwort. Wer sagt, er sei sozialliberal, der ist oft eigentlich ein Sozialdemokrat und will das nur progressiver erscheinen lassen. Und wenn es in der AfD Politiker gibt, die von den Medien als wirtschaftsliberal bezeichnet wurden, dann ist das eine gefährliche Verharmlosung. Wie kann man für Freiheit in der Wirtschaft sein, aber nicht für Freiheit in der Gesellschaft? Liberalität gibt es nicht als Spartenprogramm.

ZEIT: Wer sagt denn, dass Ihre Definition von Liberalismus die richtige ist?

Lindner: Das Sympathische am Liberalismus ist seine Bescheidenheit, nicht im Besitz letzter Wahrheiten sein zu wollen. Machen wir es doch einfach konkret.

ZEIT: Gut. Im Koalitionsvertrag für NRW haben Sie etwas durchgesetzt, das Sie auch bundesweit anstreben: Sie wollen die Grunderwerbsteuer bis zu einer gewissen Höhe abschaffen. Damit helfen Sie vor allem den Wohlhabenderen in Deutschland. Ist das liberal?

Lindner: Man kann die Vermögensverteilung dadurch zu verändern versuchen, dass man wenigen etwas wegnimmt. Das ist in Frankreich gescheitert. Man kann aber auch die Verteilung der Vermögen verändern, indem man es vielen erleichtert, überhaupt zu einer Form von Wohlstand zu kommen. Die eigene Wohnung ist nicht nur ein Lebenstraum, sondern auch Vorsorge gegen Altersarmut.

ZEIT: Aber alle profitieren: nicht nur die, die sich endlich eine kleine Wohnung leisten können, sondern auch die, die sich eine Villa zulegen.

Lindner: Mit diesen Argumenten wird die Mittelschicht seit Jahren in Geiselhaft genommen. Weil von einer Entlastung der Ingenieur profitieren würde, geht der Facharbeiter leer aus. Ja, es sollen alle profitieren.

ZEIT: Bis auf diejenigen, die sich gar kein Haus leisten können.

Lindner: Die Eigentümerquote ist überall in Europa höher. In Deutschland geht sie in der jüngeren Generation sogar noch zurück. Damit darf man sich nicht abfinden! Abgesehen davon, wollen wir die Entlastung nicht auf wenige konzentrieren.

ZEIT: Was haben Sie vor?

Lindner: Erstens: Sorgen wir dafür, dass die Sozialbeiträge nicht weiter steigen, vielleicht sogar sinken. Zweitens: Schaffen wir die Stromsteuer ab. Die zahlt auch der Bafög-Empfänger. Drittens: Gestalten wir die Zuverdienstgrenzen zu Hartz IV großzügig neu, damit von jeder Stunde, die jemand im Minijob arbeitet, auch etwas bleibt. Und viertens sollten wir den Solidaritätszuschlag und die kalte Progression abschaffen.

ZEIT: Da sind wir beim ewigen FDP-Thema Steuersenkung – einem Grund dafür, dass Sie von manchen als neoliberal beschimpft werden.

Lindner: Wenn man angesichts des maßlosen Etatismus eine faire Balance von Staat und Bürger fordert, wird man beschimpft? Das lasse ich mir gerne gefallen. Im Übrigen haben Sie von Steuern angefangen, nicht ich.

ZEIT: Steuersenkungen sind Ihr zentrales Wahlversprechen.

Lindner: Nein, wir haben eine umfassende Agenda. Unsere zentralen Themen sind weltbeste Bildung, die Chancen der Digitalisierung, Bürgerrechte und Flexibilität statt Bürokratismus. Deshalb haben wir uns in Nordrhein-Westfalen bewusst für die Übernahme des Bildungsministeriums, des Integrations- und Familienministeriums sowie des ersten Digitalministeriums entschieden. Die Entlastung der Steuerzahler ist nur ein Programmpunkt, wenngleich ein wichtiger. Denn die Mittelschicht ist in Deutschland so stark belastet wie nahezu nirgendwo sonst.

ZEIT: Und was soll das alles zusammen kosten?

Lindner: Wir haben das mit insgesamt 30 bis 40 Milliarden Euro jährlich beziffert.

ZEIT: Wie groß ist der Anteil der Steuersenkungen daran?

Lindner: 100 Prozent. Die Sozialabgaben muss man getrennt vom Haushalt betrachten.

ZEIT: Die SPD will nicht nur Steuern senken wie Sie, sondern sie auch für Besserverdiener erhöhen. Ist das nicht sozial gerechter?

Lindner: Das Konzept der SPD ist einigermaßen maßvoll, was mich überrascht hat. Beim Solidaritätszuschlag hat sie sich sogar unserer Position angenähert. Da ist die CDU nun allein. Im Kern halte ich die Steuerpolitik der SPD aber nicht für fair oder klug. Wir haben in Deutschland schon Umverteilung at its best . Ich sehe nur noch Konzerne wie beispielsweise Apple, deren Steuerlast unangemessen niedrig ist. Die SPD will, dass die Reichensteuer künftig schon vom Ingenieur bezahlt wird. Aus der Steuer für Millionäre wird eine Steuer für den Mittelstand. Diese Steuererhöhung schwächt ausgerechnet das Kleingewerbe.

ZEIT: Wieso schlagen Sie Ihr Steuersenkungsprogramm gerade jetzt vor, da die Immobilienmärkte boomen und es der Wirtschaft gut geht? Ist das nicht ein Konjunkturprogramm zur falschen Zeit?

Lindner: Das Gegenteil ist richtig. Denn die wirtschaftliche Stärke basiert zu einem großen Teil auf den Drogen, unter denen die Wirtschaft steht, etwa durch den niedrigen Außenwert des Euro. Mit der Digitalisierung haben wir eine Disruption, die alle Geschäftsmodelle verändert. Die wirtschaftliche Sonderlage ist eine Chance, Deutschland ohne große Schmerzen zu modernisieren. Jetzt müssen wir aber einen Schnitt machen. Sie wollten bisher nur über Geld und Steuern reden, aber ich will die FDP darauf nicht reduzieren lassen. Liberalismus ist mehr.

ZEIT: Nämlich?

Lindner: Er ist ein einzigartiges Programm zur Emanzipation des Einzelnen und zur Bekämpfung von Machtballung. Wenn man das ernst nimmt, dass keiner zu mächtig werden darf, haben wir eine riesige Ordnungsaufgabe.