Da steht er, der russische Staatschef, und genießt den lang ersehnten Moment, so kurz vor dem Anstoß des Eröffnungsspiels des Confed Cups zwischen Gastgeber Russland und Neuseeland. Sieben Jahre sind seit der Vergabe des Turniers vergangen. Eine Zeit voller Diskussionen, ob der Weltfußballverband Fifa ein solches Großereignis nach Russland vergeben dürfe. Zu groß schien die Gefahr, der Kremlchef könnte die Aufmerksamkeit rund um die Spiele nutzen, um von Verstößen gegen Menschenrechte und Korruption abzulenken.

Die Kritik blieb ohne Folgen, nun läuft die zweiwöchige Party, eine Art Generalprobe für die WM 2018. Mit dem Hubschrauber wurde Putin nach St. Petersburg geflogen. Er erwarte "einen Triumph des Sports", verkündet er über die Stadionlautsprecher. Der Fußball habe die Kraft, Staaten und Kontinente zu vereinen. "Die Gäste werden ein offenes Russland erleben." Die Frage ist bloß: Welche Gäste meint er eigentlich?

Das neu erbaute Stadion auf der Halbinsel Krestowskij, bei dessen Entstehung nordkoreanische Bauarbeiter laut Menschenrechtsorganisationen unter Bedingungen mitgewirkt haben sollen, die der Sklaverei ähneln, fasst 57.500 Zuschauer. 10.000 Plätze bleiben leer. Die Mehrheit der Besucher sind Russen, Ticketpreise wurden auf 960 Rubel, 15 Euro, reduziert. Dasselbe Bild beim ersten Spiel der Deutschen am Montagabend in Sotschi. Jubel gab es nur beim Torschuss, Euphorie kam nicht auf.

Es findet ein schonungsloser Auswahlprozess statt, wem der Mensch seine Zeit widmet

Auch in Deutschland ist das Interesse bisher überschaubar: Schalteten beim Confed Cup 2005 im eigenen Land noch zwölf Millionen Zuschauer den Fernseher ein, verfolgte das Spiel der Deutschen gegen Australien nur noch etwa die Hälfte. Das hat mit dem generellen Rückgang des Interesses am linearen Fernsehen zu tun, wohl auch mit der ungünstigen Anstoßzeit um 17 Uhr und mit der semiprominenten Besetzung des deutschen Kaders – aber nicht nur.

Das schwindende Interesse der Zuschauer an Fußballspielen ist eine Entwicklung, die vor drei Jahren eingesetzt hat und immer spürbarer wird. Waren Länderspiele in Deutschland bis 2014 immer ausverkauft, blieben zuletzt Tausende Tribünenplätze frei. Aber warum verliert der Fußball an Bedeutung? Kein gesellschaftliches Ereignis konnte sich in den vergangenen Jahrzehnten so sehr auf die Treue der Konsumenten verlassen.

Aufmerksamkeit ist "die unwiderstehlichste aller Drogen", das beobachtete bereits der Philosoph und Architekt Georg Franck. Sie besteht neben der Verlockung des Geldes, konkurriert und korrespondiert mit ihr. Je mehr Aufmerksamkeit der Fußball generiert, desto mehr Geld setzt er um. Deshalb behaupten viele: Geld macht den Fußball kaputt. Aber ist es wirklich das Multimillionengehalt Cristiano Ronaldos, das die Zuschauer abschalten lässt? Spieler bewegen sich schon lange in kaum vorstellbaren Sphären, auf Unerreichbares kann man kaum neidisch sein.

Seinen Teil trägt jedenfalls auch der leichtsinnige Umgang der Verantwortlichen mit dem Gut Fußball bei, der die Menschen vergrault. Diejenigen, die den Fußball vor Vereinnahmung beschützen sollten, machen ihn zu einer Vermarktungsfläche für Politiker wie Putin oder Staaten wie Katar, den Ausrichter der WM 2022. Das verstärkt das Gefühl von Macht und Prominenz der Funktionäre.

Auch Künstler wie Helene Fischer oder Herbert Grönemeyer dürfen ohne jeglichen Zusammenhang die Aufmerksamkeit des Fußballs für eigene Interessen nutzen. Der Sport entfernt sich so immer mehr von seinem Ursprung – und von den Fans.

Aufmerksamkeit war schon immer eine knappe Ressource. In Zeiten, in denen das eigene Ich mit dem Posten von Fotos und Kommentaren in den sozialen Netzwerken immer mehr an Bedeutung gewinnt, möchte jeder sein eigener Star sein. Das steigert die Selbstwertschätzung und reduziert das Interesse am Unerreichbaren.

Durch die große Auswahl bleibt weniger Zeit, sich der zeitaufwendigen Leidenschaft Fußball zu widmen. Zumindest findet ein immer schonungsloserer Auswahlprozess statt, wem der Mensch Zeit und Aufmerksamkeit widmet. Und so steht Putin, dieser so sehr nach Bedeutung lechzende Stratege, im 930 Millionen Euro teuren Stadion, und kaum jemand hört ihm zu. Welch schöne, beiläufige Form der Rebellion.

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