Die moderne Menschheit teilt sich in zwei Stämme. Da sind die Digital Natives, die digitalen Ureinwohner. Sie sind mit dem Internet aufgewachsen und fühlen sich heimisch in der digitalen Welt. Die Digital Immigrants dagegen tun sich schwer mit der neuen Leitkultur. Sie bemühen sich redlich, den Anforderungen zu genügen. Dennoch gelingt es nur wenigen Einwanderern, ihren Migrationsstatus hinter sich zu lassen.

Hinter dem Bild von den zwei Kulturen steckt folgende Vorstellung: Je früher man mit dem Internet konfrontiert wird und je intensiver man sich mit ihm beschäftigt, desto besser müssen auch die Fertigkeiten im Umgang mit Programmen, Daten und Angeboten aus dem Netz sein. Das glauben zumindest viele (ältere) Erwachsene, am meisten aber die Digital Natives selbst.

Beide liegen daneben. In Bezug auf die digitalen Fähigkeiten gehen Selbsteinschätzung und tatsächliche Fertigkeiten bei Jugendlichen nämlich weit auseinander, das zeigt eine neue Studie des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel. Männliche Jugendliche erliegen der "Kompetenzillusion" danach besonders häufig. Weil sie ständig online sind und virtuos ihr Handy oder ihre Spielkonsole bearbeiten, glauben sie, sich überdurchschnittlich gut in der digitalen Welt auszukennen.

Dabei ist oft das Gegenteil richtig: Den Jugendlichen, die besonders lange am Bildschirm hängen, gelingt es seltener, im Netz zu recherchieren, Informationen aufzubereiten sowie Fakten von Fake-News zu unterscheiden. Nur wissen sie es nicht, schreiben die Kieler Forscher: "Die Jugendlichen fühlen sich kompetent am Computer, obwohl sie es nicht sind, und sind daher kaum motiviert, sich die nötige Unterstützung für (...) den Kompetenzerwerb zu holen."

Schuld an der Selbsttäuschung – es war zu erwarten – ist die Schule. Was ein Jugendlicher in Mathe, Deutsch, Englisch kann, erfährt er im Normalfall im Unterricht. Er vergleicht sich mit seinen Kameraden, erhält Lob und Tadel vom Lehrer. Wenn es um das Digitalwissen geht, fehlt diese Rückmeldung fast vollständig. Deshalb überschätzen Jugendliche ihre Kenntnisse häufig.

Computer spielen in deutschen Klassenzimmern nur eine marginale Rolle. Bei der Vergleichsstudie ICILS landeten Deutschlands Schulen 2014 bei der Nutzung digitaler Medien im Unterricht auf dem letzten Platz, hinter Chile und Thailand. Seitdem dürfte sich einiges geändert haben. Den Großteil ihrer digitalen Fertigkeiten erwerben Jugendliche jedoch weiterhin zu Hause, von ihren Eltern, den Alten. Damit schlägt die soziale Herkunft auch hier voll durch. Denn es gibt den digitalen Graben, den digital divide, wirklich. Nur trennt er weniger Generationen als soziale Schichten. Das ist ungerecht und gefährlich. Spätestens in Ausbildung und Beruf, wenn das Daddel-Know-how nicht mehr ausreicht, rächt sich die digitale Ignoranz.