Ein Straßencafé im ruhigen und langweiligen Teil von Berlin-Charlottenburg, wo sie 1989, drei Wochen vor Mauerfall, geboren wurde und heute noch wohnt. Ricarda Messner, Gründerin und Herausgeberin der halbjährlich erscheinenden Zeitschriften Flaneur (Heftkonzept: das Porträt einer Straße einer international bekannten Stadt, im Oktober erscheint die São-Paulo-Ausgabe) und Sofa (ein angenehm wirr und überladen wirkendes, für den nicht mehr jungen Leser nicht ganz leicht zu dechiffrierendes Magazin). Das ist, Moment, schon ein Ding, dass eine unter 30-jährige Frau noch gedruckte Zeitschriften herausbringt – das Bekenntnis zum Print-Journalismus macht die junge Herausgeberin in der von Anzeigen- und Auflagen-Rückgängen gebeutelten Branche natürlich zu einer glamourösen und gefragten Person. Noch auf der anderen Straßenseite ist sie schon, wie sie sich dem Cafétisch nähert und in ihr Handy guckt, eine Erscheinung – 1,80 Meter groß, big hair wie Madonna auf dem Cover von Like a Virgin, eine gekonnt runtergelumpt wirkende Garderobe (löchriger Pullover, Moonwashed Jeans, Segeltuch-Turnschuhe).

Omelett mit Spinat. Kürzlich habe sie die Buchvorstellung des demokratischen Senators Bernie Sanders im Audimax der Freien Universität in Berlin besucht, und als er die Zahlen der absurd ungerechten Verteilung von Reichtum auf der Welt referiert habe (acht Milliardäre besitzen so viel wie die ärmeren 50 Prozent der Weltbevölkerung), seien ihr die Tränen gekommen (dieses Bekenntnis soll uns natürlich beeindrucken, und, Entschuldigung, das tut es auch). Wir tappen jetzt bewusst nicht in die Junge-Frauen-Falle, bei der sie ihre hohe soziale Routine mit einer scheinbaren Naivität konterkariert, und stellen ihr betont unlockere und bedeutungsschwere Fragen. Diese Frau schreibt feministische Aufsätze über den Reality-TV-Star Kim Kardashian und organisierte eine Anti-Trump-Demonstration am Brandenburger Tor. Sieht sie sich als Teil einer neuen außerparlamentarischen Opposition?

Das klingt für sie jetzt offenbar zu hochtrabend. Sie habe, wie viele ihrer Generation, eine wunderbar unbeschwerte, sich fast ausschließlich hübschem Unsinn und materiellen Freuden hingebende Jugend erlebt, aber die Zeiten (Rechtsruck, Krise der Europäischen Union) zwängen eben dazu, sich politisch zu positionieren.

Ricarda Messner erzählt nun die Geschichte, wie sie sich am Morgen nach der Trump-Wahl – zur Produktion der Moskau-Ausgabe des Flaneur-Magazins hielt sie sich in der russischen Hauptstadt auf – zum ersten Mal in ihrem Leben künstliche Nägel machen ließ: "Vielleicht war ich beeindruckt von der opulenten Beauty-Kultur der russischen Frauen, ich weiß es nicht. Jedenfalls hatte ich im Moment des Triumphes dieses schrecklichen Mannes das Bedürfnis, mich wie eine starke und unabhängige Frau zu verhalten." Tolle Geschichte: So sieht bei einer jungen, modernen und sehr hippen deutschen Frau also ein Schlüsselmoment der Politisierung aus.

Sie erklärt nun noch mal, warum Kim Kardashian eine Heldin des Feminismus ist (versteht der Interviewer nur halb). Sie ist ja – das fällt beim Blättern durch ihr Flaneur-Magazin auf – ein Fan von dunklen Kaschemmen und halbseidenen Lokalen. Richtig? Freude bei der Herausgeberin, hier fühlt sie sich erkannt: Ja klar. Ihr Ort für eine aufregende Nacht seien die Raucherkneipe Goldener Löffel auf der Kantstraße und der Penner-Supermarkt Ulrich am Bahnhof Zoo. Hier stehe sie mit ihren Freundinnen und sammele die Anekdoten aus der großen Stadt. Mit ihrem Mitsubishi-Kleinwagen fährt die Verlegerin jetzt noch bei der Buchhandlung Bücherbogen einen Stapel ihrer Magazine vorbei.

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