Dem Namen nach passt er besser in die Gegenwart als jeder andere Komponist klassischer Musik. Supermann, Dendemann, Böhmermann und nun also: Telemann! Seine beiden Vornamen, Georg und Philipp, liegen auch im Trend.

Das Beste aber: Seine Musik wirkt heute so frisch und belebend, dass man die günstige Gelegenheit, an den gebürtigen Magdeburger zu erinnern, nicht verstreichen lassen darf. Fast 50 Jahre mischte er von Hamburg aus das europäische Musikleben auf, bevor er am 25. Juni, vor nun genau 250 Jahren, im Alter von 86 Jahren in seiner Wohnung in den Hohen Bleichen verstarb.

Telemann ist Pop vom Feinsten. Ganz anders als Johann Sebastian Bach. Der vergeistigten Musik dieses Zeitgenossen lauscht man tendenziell andächtig und ehrfurchtsvoll. Dröhnt Telemann aus den Boxen, möchte man hingegen immer gleich mitsingen. Oder aufspringen und eine Pirouette auf dem Parkett drehen.

Telemann: Das sind eingängige Melodien und tanzbare Rhythmen, elegant zusammengesetzt aus der damaligen italienischen, französischen und deutschen Musiktradition und garniert mit Einsprengseln aus der polnischen Folklore.

Dass Telemanns Musik so sehr nach Pop klingt, hat wohl auch damit zu tun, dass er die meisten Instrumente autodidaktisch lernte. In Hildesheim, wo er seine Jugend verbrachte, bekam er am Gymnasium vier Jahre Musikunterricht, aber das war es dann auch schon. Virtuos beherrschte er kein einziges Instrument. Seine Kompositionen haben wohl deshalb etwas Schlichtes. Vertracktes technisches Spiel findet man bei ihm ebenso wenig wie einen verkopften Kontrapunkt. Sein Ideal scheint Geschmeidigkeit zu sein: Die musikalischen Formen reihen sich nahtlos aneinander, nichts ist ungehobelt, kein Ton zu wenig, keiner zu viel.

Es war die Zeit des Spätbarock. Beethoven, der den Konzertbesuchern später das Schunkeln austreiben sollte, war noch nicht in Sicht. Ungestört von Genie- und künstlerischen Autonomievorstellungen, komponierte Telemann Event-Musik, Eingängiges für Feste, Bankette, Tänze. Als Musikdirektor der Stadt leitete er nebenher die Oper, unterrichtete an der Latein-Schule Johanneum und war für die musische Erbauung in den fünf Hauptkirchen verantwortlich.

Das in diesem langen, produktiven Leben entstandene Werk ist unüberschaubar. Über 1000 Werke umfasst allein Telemanns Instrumentalmusik. Aber wie das oft bei Vielschreibern ist: Darunter sind ein paar wirklich herausragende, unvergängliche Stücke.

Eine dieser Perlen, eine majestätische Ouvertüre in D-Dur, spielt das Ensemble NDR Barock am Sonntag, den 25. Juni, Telemanns Todestag, in der Elbphilharmonie. Es ist der Auftakt zum Telemann-Festival, das Ende des Jahres mit einer Konzertreihe gefeiert wird. Dann werden auch die Smash-Hits von Telemann aufgeführt, Stücke, die mal jeder Musikliebhaber kannte, bevor der Komponist nach seinem Tod lange in Vergessenheit geriet, um erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts rehabilitiert zu werden. Etwa seine Tafelmusik, die er sich von 200 adligen und anderweitig hochstehenden Subskribenten finanzieren ließ.

Fragt man sich nur: Warum steht Telemanns Wassermusik mit dem Beinamen Hamburger Ebb’ und Fluth nicht auf dem Festivalprogramm? Die Ouvertüre, komponiert zum hundertsten Geburtstag der Hamburgischen Admiralität, spürt allen Erscheinungsformen der Elbe nach, ihrem Fließen, ihren Strudeln, ihren Wellen. Schmissig ist das und so lokalhymnentauglich, dass man sich wundert, warum das Stück nicht schon während der Eröffnungsfeierlichkeiten der Elbphilharmonie aufgeführt worden ist.

Etwa aus Geschichtsvergessenheit? Oder haben Sicherheitsbedenken dagegen gesprochen, weil Telemanns Hamburger Ebb’ und Fluth das Potenzial hat, die Besucher von ihren Sitzen zu reißen? Das hätte auf den steilen Rängen des neuen Konzerthauses ein böses Ende nehmen können.

Anspieltipps:

Als Einstieg: Das quietschvergnügte Violinkonzert "Die Relinge" in A-Dur, mit dem Telemann das Liebesspiel von Fröschen musikalisch abbilden wollte. Ist ideal für alle, die auch die Beatles mögen ("I love you, yeah, yeah, yeah").

Was Kleines zwischendurch: Die zwölf Fantasien für Flöte. Wie da die Melodie auf- und abhüpft – da hüpft man innerlich, vorzugsweise mit dem Herzen, gleich mit.

Für spätere Stunden: Das Trio in Es-Dur für zwei Geigen und Cembalo aus Telemanns "Tafelmusik". Ist mit seiner Intimität, die langsam Fahrt aufnimmt und sich zu einem flotten, nun ja, Dreier auswächst, die perfekte Abendunterhaltung.