Das Wort Katastrophe reiche nicht aus, um zu beschreiben, was hier geschehen sei, sagt Liam McLoughlin. "Es war ein Inferno. Die Hölle." Die Worte ersticken in den Tränen des 78-jährigen Mannes. Er lebt unmittelbar neben dem Grenfell Tower, und in der Nacht zum Mittwoch vergangener Woche sahen er und seine Frau Mary von ihrem Küchenfenster aus, wie sich die Flammen an der Fassade bis in den 24. Stock ausbreiteten. "Es ging so schnell", sagt McLoughlin. "Wie konnte es nur so schnell gehen?"

Eine Woche danach gehen die Rettungsdienste davon aus, dass mindestens achtzig Bewohner ums Leben kamen. "Viele von ihnen waren meine Kunden", sagt McLoughlin. Bis vor wenigen Jahren hatte er nebenan einen Schusterladen. "Ich kenne alle Menschen in der Nachbarschaft. Das macht es so unerträglich." Außer der Trauer empfindet McLoughlin eine rasende Wut. In den britischen Medien wird spekuliert, der Eigentümer des Grenfell Towers, die Kommune Kensington und Chelsea, habe bei der Renovierung des Gebäudes vor einigen Jahren eine brennbare Verkleidung installiert und aus Kostengründen auf Sprinkler verzichtet.

Dabei verfügt keine Kommune in Großbritannien über mehr Geld als Kensington und Chelsea. Nur ein paar Straßenzüge südlich des Grenfell Tower stehen die prächtigsten Villen von London. Unter anderem wohnen hier David und Victoria Beckham. Die Lokalpolitik regiert eine Luxusenklave, im vergangenen Jahr konnte man Rücklagen in Höhe von umgerechnet 239 Millionen Euro verbuchen. Für Liam McLoughlin steht fest, dass im Grenfell Tower an der Sicherheit gespart wurde. Das sei menschenverachtend. "Wer arm ist, zählt nicht", sagt er. Zehn Tage nach dem Inferno hat sich diese Ansicht im ganzen Land verbreitet. Im vergangenen Jahr starben 330 Menschen bei Hausbränden, mehr als zwei Drittel davon in kommunal verwalteten Wohnungen.

Mehr als eine Million Briten arbeiten auf der Basis von Null-Stunden-Verträgen

Die Wut über den Staat wächst. Am Freitag vergangener Woche verbarrikadierten sich Überlebende des Unglücks mit ihren Nachbarn vor den Büros der Kommunalregierung und forderten Aufklärung. Einen Tag später marschierte ein Protestzug zur Downing Street. McLoughlin war dabei. "Wir müssen uns Gehör verschaffen", sagt er. Dass die Politik ein Anwalt seiner Interessen sein könnte, glaubt er schon lange nicht mehr.

Vielen Briten geht es genauso. Sie zweifeln nicht zuletzt deshalb am System, weil die britischen Politiker ihnen Zahlen vorhalten, die viele nicht glauben mögen: Überall ist von "wirtschaftlichen Eckdaten" die Rede, die auf eine rundum positive Lage hindeuten. So beträgt die Arbeitslosenquote gerade mal 4,8 Prozent, sie liegt damit weit unter dem EU-Durchschnitt. Und es gilt ein Mindestlohn, der inzwischen bei umgerechnet 8,50 Euro pro Stunde liegt.

Die bittere Realität für viele Menschen ist eine andere. Mehr als eine Million Briten arbeiten auf der Basis von sogenannten Null-Stunden-Verträgen: Sie sind Freiberufler, die auf Abruf zur Verfügung stehen. Bei guter Auftragslage verrichten sie einfachste Jobs in der Industrieproduktion. Bei schlechter Auftragslage arbeiten sie gar nicht. Kranken- oder Urlaubsgeld gewähren ihre Arbeitgeber nicht.

Kürzungen bei den Sozialleistungen lassen die Armut weiter steigen

Aufschlussreicher als Wirtschaftsdaten sind die Armutsstatistiken. Nach offiziellen Zahlen der Regierung leben 10,4 Millionen Briten in Armut. Anders gesagt haben 16 Prozent der Bevölkerung im Monat weniger als 60 Prozent des mittleren nationalen Einkommens zur Verfügung. Eine Studie des renommierten Joseph Rowntree Think Tank beziffert die unmittelbaren Kosten der Armut für den Steuerzahler auf rund 89 Milliarden Euro im Jahr. "Das entspricht fast zehn Prozent der Haushaltsausgaben", erklärt Mandy Littlewood, eine der Autorinnen der Studie. Und das betrifft nur direkte Ausgaben. "Statistisch gesehen neigen Kinder, die in Armut aufwachsen, langfristig eher dazu, psychisch zu erkranken oder straffällig zu werden", so Littlewood weiter. "Damit verliert die Gesellschaft nicht nur Arbeitskräfte, sondern schafft erhebliche Kosten für die Steuerzahler der Zukunft." Nach Berechnung des einflussreichen Londoner Institute for Fiscal Studies (IFS) werden die geplanten Kürzungen bei den Sozialleistungen die Armutsquote bis 2020 um 1,5 Prozent im Jahr zusätzlich wachsen lassen.

Für Millionen von Briten beschreiben diese Statistiken ein Lebensgefühl, von dem die Regierenden keine Notiz nehmen. Die Wut auf das System führte schon im Sommer 2011 zu gewalttätigen Ausschreitungen. In den Innenstädten wurden Geschäfte geplündert und in Brand gesteckt. Auch die Brexit-Entscheidung ist nach Meinung des angesehenen Historikers Lord Peter Henessy eine Reaktion auf die Unzufriedenheit. "Viele Menschen sahen das Referendum als Votum gegen das Establishment, nicht zuletzt, weil politische Neulinge wie die Ukip-Partei mit einfachen Worten große Versprechungen für die Zukunft machten." Die meisten davon sind seither freilich verpufft. Heute glaubt kaum noch jemand, dass 370 Millionen Euro pro Woche bald statt nach Brüssel in das eigene Gesundheitssystem fließen werden. Der Beginn der Brexit-Verhandlungen verunsichert deshalb. Dazu kommen die Terroranschläge der vergangenen Monate und eine Premierministerin, die seit den Wahlen Anfang des Monats ohne Mehrheit regiert. "Es gibt kaum noch Wahrheiten. Nichts ist verlässlich", urteilt der Historiker Henessy. "Großbritannien ist so instabil wie in den dreißiger Jahren."