Nach dem Johanneum und mehreren katholischen Schulen hat sich auch das Gymnasium Eppendorf eine Kleiderordnung gegeben – auf "pofreie Shorts" und "übertiefe Dekolletés" sollen Schülerinnen ab sofort verzichten. Ist das wirklich nötig? Ein Gespräch mit Fredrik Dehnerdt, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Hamburg (GEW) .

DIE ZEIT: Herr Dehnerdt, eine Hamburger Schule hat gerade per Hausordnung allzu freizügige Kleidung aus dem Unterricht verbannt. Überrascht Sie das?

Fredrik Dehnerdt: Überhaupt nicht. Das Thema kommt jeden zweiten heißen Sommer auf. Was ist angemessene Kleidung an Schulen? Diese Debatte wird in Hamburg immer hochemotional geführt.

ZEIT: Warum?

Dehnerdt: Es ist ein großer Eingriff in die Persönlichkeitsrechte, Kindern vorzuschreiben, wie sie sich anziehen. In Hamburg gibt es aber sogenannte selbstverwaltete Schulen, die dürfen Kleidervorschriften aufstellen. Zugleich ist der Elternwille ein sehr hohes Gut, gerade in Hamburg. Eltern wollen sich ungern in Erziehungsthemen reinreden lassen.

ZEIT: Und die Kinder nicht in ihre Mode.

Dehnerdt: Das stimmt, viele Schülerinnen und Schüler fühlen sich in ihrer Freiheit beeinträchtigt. Als weiterer Faktor sind da die Lehrer, die auch Schwierigkeiten haben können, wenn Schülerinnen halb nackt rumlaufen. Die Kleidungsfrage ist deshalb oft ein ganz heißes Thema.

ZEIT: Muss man das gleich mit Verboten regeln?

Dehnerdt: An den betroffenen Schulen wird es so gewesen sein, dass Mitschüler oder Lehrer gesagt haben: Damit habe ich ein Problem. Die Frage ist: Wie geht man damit um? Am Gymnasium Eppendorf hat sich ja sogar eine Schulkonferenz damit beschäftigt, also Lehrer, Eltern und Schüler. Das zeigt, dass das Thema offenbar wichtig ist. Dann ist es auch völlig legitim, so was anzusprechen – egal, ob das für zwei oder zehn Wochen heiße Temperaturen gilt.

ZEIT: Sind die Schüler eines Gymnasiums nicht alt genug, solche Entscheidungen selbst zu treffen?

Dehnerdt: Sie müssen bedenken, dass die betroffenen Schüler in der Pubertät sind. Sobald man als Mädchen beginnt, sich seiner Körperlichkeit bewusst zu werden, zieht sich man sich gern mal locker-luftig an. Das kann im Unterricht ablenken – Mitschüler und Lehrer. Für die ist es ja auch nicht einfach, in tiefe Brustausschnitte zu schauen.

ZEIT: Muss man die Jugendlichen vor sich selbst schützen?

Dehnerdt: Junge Menschen haben das Bedürfnis, sich und ihre Grenzen auszutesten. Männliche Schüler machen vielleicht mit anderen auffälligen Kleidungsstücken auf sich aufmerksam. Angemessene Bekleidung ist immer ein Aushandlungsprozess. Genauso wie Handynutzung in der Pause. Am Ende werden eben Regeln aufgestellt.

ZEIT: Müssten nicht die Eltern für angemessene Kleidung sorgen?

Dehnerdt: Natürlich haben die Eltern die Verantwortung. Es ist eine Frage des Respekts, es bedarf einer gewissen Empathie, sich mit der Frage zu beschäftigen: Wie nehmen mich andere Leute wahr? Im besten Fall wird das im Elternhaus diskutiert: Wie kleide ich mich angemessen als junge Frau?

ZEIT: Das beantworten Eltern unterschiedlich.

Dehnerdt: Bei der Antwort gibt es zwei Extremformen: Eltern, die eine Egalhaltung vertreten und sagen: Mein Kind kann sich anziehen, wie es will, und ich verteidige es, auch gegenüber der Schule und ihren Vorschriften. Das andere Extrem sind die Eltern, die sagen: Kind, wie läufst du denn rum, willst du auf den Strich gehen? Die Masse aber spielt sich irgendwo in der Mitte ab.

ZEIT: Reicht dann nicht auch ein Gespräch oder eine Ermahnung? Warum braucht es eine Kleiderordnung?

Dehnerdt: Wir als Gewerkschaft begrüßen es, wenn Diskussionen über heiße Themen geführt werden. Formal ist es so, dass in Schulkonferenzen Vertreter von Eltern, Lehrern und Schülern sitzen und die bestenfalls einvernehmlich zu gewissen Vorgaben kommen. Deshalb ist eine Diskussion mit allen Beteiligten tatsächlich viel besser, als mit Vorgaben von oben zu kommen.

ZEIT: Das Bedürfnis aufzufallen wird ja nicht mit dem keuschen Dekolleté oder einem längeren Rock verschwinden. Verlagert es sich dann nicht einfach – auf auffällige Frisuren oder Piercings?

Dehnerdt: Klar kann das passieren. Es kann ein Piercing sein oder, als Extrembeispiel, ein Nazi-T-Shirt. Egal, was es ist, die Frage bleibt gleich: Entstehen Konflikte darüber? Falls ja, müssen sich die Leute zusammensetzen und das Problem lösen.