DIE ZEIT: Vor zwanzig Jahren erschien das erste Harry Potter- Buch in Großbritannien. Sie, Herr Humann, haben den Zaubererjungen für den Hamburger Carlsen Verlag eingekauft. Wann hatten Sie zum ersten Mal von ihm gehört?

Klaus Humann: Schon ein Jahr vorher, im Frühjahr 1996. Ich hatte von dem Agenten, der Joanne K. Rowling vertrat, gerade dessen allererstes Kinderbuch gekauft. Und er erzählte mir von einem weiteren Manuskript – Harry Potter.

ZEIT: Wie viel hat er verraten?

Humann: Nichts, nicht einmal den Titel. Er hat nur gesagt, es ist toll. Und weil er einen guten Geschmack hatte, dachte ich, das könnte was sein. Ein Jahr später bekam ich es endlich zu lesen.

ZEIT: Und Sie, Frau Herre, wann haben Sie zum ersten Mal von Harry gehört?

Renate Herre: Ich war damals Verlegerin bei Ravensburger. Wir hatten das Buch abgelehnt.

ZEIT: Es hat Ihnen nicht gefallen?

Herre: Ich habe es nicht persönlich geprüft.

ZEIT: ... und sich im Nachhinein geärgert?

Herre: Nein, das ist verlegerisches Risiko. Lesen ist stark vom subjektiven Empfinden geprägt, und nur, wenn man für eine Geschichte brennt, sollte man sie verlegen. Deshalb habe ich auch nie gehadert oder gedacht, wie bescheuert sind wir eigentlich gewesen.

Humann: Viele Verlage haben das Manuskript schlicht der Länge wegen abgelehnt. Man glaubte damals, kein Kind von 10 Jahren schaffe es, mehr als 176 Seiten zu lesen. Ich war Neuling im Kinderbuch und kannte solche Regeln nicht.

ZEIT: Auch Rowlings Agent und der britische Verleger Barry Cunningham hatten wenig Erfahrung mit Kinderbüchern. Drei Männer, die sich nicht auskannten – war das der Schlüssel zu Harrys Erfolg?

Humann:(lacht) Was Barry Cunningham und mich verbindet, ist die naive Begeisterungsfähigkeit. Uns hat einfach die Geschichte angefixt. Bei mir lag es am Thema Internat: Meine Eltern haben immer gesagt, wenn du die nächste Klasse nicht schaffst, kommst du ins Internat. Ein Horror, und zugleich habe ich mir das als Einzelkind immer gewünscht. Ich habe nie darüber nachgedacht, ob man die Geschichte verkaufen kann.

Herre: Das erzählt auch Barry Cunningham. Er hatte keinerlei Vorstellung, was mit diesem Buch geschehen würde. Ihn hat fasziniert, wie Rowling von Freundschaft erzählt.