Barry Cunningham hatte einiges zu schleppen an diesem Abend im Spätsommer des Jahres 1996. Und er hatte es eilig. Denn es goss aus Kübeln – was in der britischen Hauptstadt London nicht sehr ungewöhnlich, dadurch aber nicht angenehmer ist –, und Barrys Gepäck reagierte empfindlich auf Nässe. Einen dicken Stapel Papier trug der Mann bei sich. Hätte er damals geahnt, was aus den Zetteln einmal werden würde, er hätte sich damit vielleicht nicht hinaus in den Regen getraut.

Barry Cunningham arbeitete beim Verlag Bloomsbury in London, er suchte nach neuen Geschichten, die er zu Kinderbüchern machen wollte. E-Reader, auf denen man digital lesen konnte, hatte man damals noch nicht. Und so war Barry der dicke Papierstapel geschickt worden: die Geschichte eines Jungen, der mit elf Jahren erfährt, dass seine Eltern bedeutende Zauberer waren und dass er in der magischen Welt eine Berühmtheit ist.

Die Harry Potter-Bücher werden heute rund um die Welt gelesen, haben sich weit mehr als 450 Millionen Mal verkauft, und die Autorin Joanne K. Rowling ist mit ihrer Idee steinreich geworden. Damals aber, als sie jemanden suchte, der aus ihren Zetteln ein Buch machen würde, wollte niemand die Geschichte. Keine Chance auf Erfolg, sagten einige über Potter. Andere meinten, das Buch würde zu dick. Kinder könnten keine so langen Geschichten mehr lesen.

All das wusste Barry Cunningham, als er den abgegrabbelten Zettelhaufen nach Hause trug. "Man konnte deutlich sehen, dass er schon durch einige Hände gegangen war", erzählt er. "Dieses Manuskript hätte sich prima in der Schulbibliothek von Hogwarts gemacht. Es wäre sicher nicht aufgefallen, so abgenutzt, wie es aussah." Obwohl es nun mehr als 20 Jahre her ist, erinnert Barry sich genau an den Abend, als der Regen gegen sein Fenster trommelte und er zum ersten Mal in die Welt der Zauberer abtauchte. Gleich der Anfang der Geschichte nahm ihn so gefangen, dass er las und las und las – und erst am nächsten Morgen wieder aufhörte. Da hatte er alles durch. "Ich suche immer nach Büchern, die man umarmen möchte wie einen guten Freund", sagt Barry. In dieser Nacht hatte er ein solches Buch gefunden.

Doch dann traf er die Frau, die sich Harry ausgedacht hatte. Und statt zu jubeln, dass nun endlich jemand ihre Erzählung drucken wollte, sprach sie gleich über sechs weitere Bände. Barry war baff – und musste erst einmal nachdenken.

Ausgedacht hatte sich Joanne K. Rowling Harrys Geschichte schon Jahre vorher. 1990 kam ihr die Idee auf einer Zugfahrt. Die nächsten fünf Jahre arbeitete sie daran, vieles schrieb sie von Hand auf irgendwelche Zettel und Notizblöcke. Als sie mit Barry beim Mittagessen saß, hatte sie nicht nur den ersten Band fertig, sondern einen Plan für die gesamte Reihe.