Natürlich, es wäre der berühmte Kanzlerbungalow in Oggersheim, Ludwigshafen. Die Vorstellung, ihm in persona – sein großer Körper! sein großer Kopf! – gegenüberzusitzen, ist beides, bedrückend und aufregend (man hat ja schon oft gehört, dass Kohl-Besucher auf einen äußerst charmanten, einfühlsamen, liebenswürdigen, blitzgescheiten, zum Spielen, Lachen und Große-Geschichten-Erzählen aufgelegten Mann getroffen sind). Er säße im Rollstuhl, seine Frau Maike Kohl-Richter, die gleich zu Beginn des Interviews den Raum verließe, hätte ihm einen Anzug (blaue Europa-Nadel am Revers) angezogen. Die Grundhaltung wäre selbstverständlich, dass wir ihm respektvoll begegnen – wir sprechen mit dem Kanzler der deutschen Einheit. Früh im Interview wollen wir ihn – durchaus emotional – mit Fragen zur unmittelbaren Gegenwart konfrontieren. Sein letztes Interview gab Kohl übrigens im November 2014 gemeinsam mit seiner Ehefrau dem "stern", sein letztes Einzelinterview, bei dem er den Satz "Ich hoffe, dass die Menschen wählen gehen" sagte, im Mai 2014 seinem Vertrauten, dem damaligen "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann. Dieses 99-Fragen-Interview mit Helmut Kohl, der am Freitag vergangener Woche im Alter von 87 Jahren verstarb, hat nie stattgefunden, wir drucken deshalb nur die Fragen.

1 Birnen oder Äpfel?

2 Gürtel oder Hosenträger?

3 Bundeskanzleramt oder Speyerer Dom?

Klar, nach dieser sehr intuitiven, man könnte auch sagen, albernen Eröffnung bestünde die Gefahr, dass der Kanzler das Interview schon jetzt, nach wenigen Sekunden, abbricht: "Was soll denn das werden, junger Mann?" Wir lenken nun auf die großen Fragen der Gegenwart. Jede halbwegs konkrete und griffige Antwort wäre bei diesem Gesprächspartner der pure Stoff für die Nachrichtenagenturen.

4 Nach Macrons Sieg: Ist Europa fürs Erste gerettet?

5 Wie kommen wir aus dieser scheußlichen Falle heraus, dass wir Präsident Erdoğan nicht die Meinung sagen können, weil wir sonst wieder alle Flüchtlinge abkriegen?

6 Ist das unter Ihrer Würde, oder können Sie Björn Höcke von der AfD bitte noch mal erklären, warum das Holocaust-Mahnmal keine Schande ist, sondern ein Ausdruck von historischer Verantwortung, Friedfertigkeit und Stärke?

7 Trotz der in diesem Jahr ausgebliebenen Machtübernahme der Rechten in Europa: Wie begegnen wir der schwer zu begreifenden Tatsache, dass große Teile der Bevölkerung Europas nach 70 Jahren Frieden und Freiheit offenbar wirklich genug haben von der Demokratie?

8 Nach den ersten 100 Tagen Trump: Wie lautet Ihre bewusst nicht alarmistische Einschätzung des US-Präsidenten?

9 Wenn die USA und Russland sich jetzt so gut verstehen, sollten wir Deutsche da nicht irgendwie mitmachen?

10 Eine asoziale Frage, Entschuldigung, aber: Fühlen Sie sich durch die Verachtung, mit der insbesondere die deutsche Öffentlichkeit die immer neuen Skandale und Niveau-Unterbietungen des US-Präsidenten rezipiert, an die ersten Jahre Ihrer Kanzlerschaft erinnert?

Seine kurze, spöttische, nichtssagende Antwort. Er hat sich von jedem "Spiegel TV"-Journalisten mit Mistfragen auf die Palme bringen lassen, aber, komisch, hier bleibt er ruhig. Von der großen Welt fokussieren wir jetzt auf den Herrn im Rollstuhl. Es folgt: die Durchführung.

11 Können Sie über die Birne mittlerweile lachen?

12 Können Sie über die geistig-moralische Wende von 1982 mittlerweile lachen?

13 Können Sie jetzt noch einmal versuchen, das Wort "Geschichte" phonetisch korrekt auszusprechen?

14 Wie war das, als sich das Historische in Ihnen zuletzt geregt hat?

15 Ist bei der Kunst des Aussitzens die Atmung das Wichtigste?

16 Haben Sie sich den Pfälzer Saumagen ausgedacht, oder gibt es dieses Gericht wirklich?

17 Vergessen, verraten, verkannt, verlacht: Ist das okay, wenn die Historiker an Sie dereinst als einen tragischen Helden der deutschen Geschichte erinnern?

18 All die zu großen, breiten und verunglückten Sätze, all die verrutschten und falschen Gesten: Ist es für Sie, im Rückblick, am schwersten zu verzeihen, dass es – vor allem in Ihren ersten Regierungsjahren – beim linksliberalen Bürgertum dieses Landes ja praktisch zum guten Ton gehörte, sich für den Bundeskanzler Helmut Kohl zu schämen?

Und nun das Bild noch genauer einstellen, ihn noch enger fassen. Wir rücken dem großen Herrn im Rollstuhl jetzt so nah, wie dies bei einem Interview eben möglich ist.

19 Schuhgröße 48?

20 Ist das wahr, dass Ihre Augenfarbe nach dem Verlust der politischen Macht innerhalb weniger Jahre von Wasserblau zu Schwarz gewechselt hat?

21 Im Dialog und in der konkreten politischen Auseinandersetzung: Stand Ihnen das Große, Gewaltige und Breite Ihrer Gestalt eher im Wege, oder hat er, der Kohlsche Körper – dann wohl auf paradoxe Art und Weise –, eher für Nähe, Zutrauen und Einvernehmen gesorgt?

22 War das der Fehler der Deutschen, von Ihrem Dialekt auf Ihren Intellekt zu schließen?

23 Ist die Lust der Deutschen, über Sie Witze zu machen, nichts als die typische deutsche Verklemmtheit?

24 War Ihnen das manchmal unheimlich, zu sehen, wie der andere Kanzler Helmut – vor allem in den Jahrzehnten nach seiner Kanzlerschaft – ein wahrer Liebling der Deutschen und großer Staatsmann wurde?

25 Übersetzen Sie uns bitte kurz, wofür die folgenden berühmten Kohl-Wendungen stehen: "Draußen im Lande."

26 "Die Gnade der späten Geburt."

27 "Juliane, hol emol e Fläschje und bring uns was zu knabbern."

28 "So sicher, wie der Rhein zum Meer fließt, so sicher wird die deutsche Einheit kommen – und auch die europäische Einheit."