Mit der ganz großen Keule gegen eine kleine Moschee: Am Montag verhängten die sunnitischen Religionswächter in Kairo wieder eine Fatwa. Diesmal traf es jedoch keine Person, auch keine einzelne Denkschule, sondern gleich den ganzen Reformislam. Die Rechtsabteilung der Al-Azhar-Universität bestrafte die soeben gegründete Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, indem sie liberale Moscheegründungen überhaupt verbot.

Das ist eine Katastrophe nicht nur für den Islam von morgen, sondern auch für die Muslime von heute. Sie sind ohnehin schon eingekesselt zwischen Islamismus auf der einen und Islamhass auf der anderen Seite. Während Dschihadisten in Europa Terroranschläge verüben mit der Begründung, dies verlange der wahre Glaube, begründen Rechtsterroristen den Mord an Muslimen mit der Behauptung, diese seien unverbesserliche Feinde Europas und eine Gefahr für alle Nichtmuslime.

Das Attentat auf die Finsbury-Park-Moschee Sonntagnacht in London hat diese Zwangslage noch verschärft. Denn der Mordanschlag, bei dem mehrere Muslime schwer verletzt wurden, richtete sich gegen einen Symbolort: Finsbury war lange berüchtigt als Heimstatt islamistischer Gefährder und distanzierte sich erst in den letzten Jahren mühsam von diesem Image. Dass nun ein Islamhasser ausgerechnet hier eine Gruppe nichtsahnender Moscheebesucher zu überfahren versuchte, wird die alten Hassprediger freuen. Denn der Anschlag eignet sich bestens, um die Feindschaft zwischen dem "wahren Islam" und dem "Westen" zu beweisen. Wenn aber jene Betontheologie erstarkt, die einst Finsbury prägte und im theologischen Mainstream auch der Al-Azhar-Universität wurzelt, bestärkt das wiederum die Islamophoben. Hat der liberale Islam dagegen eine Chance?

Das Glück der Berliner Reformmuslime hielt keine drei Tage. Am Samstag feierten sie noch ihr neues Zuhause, einen hellen Saal mit hohen Bleiglasfenstern, wo bei offener Tür eine junge Frau als Vorbeterin auftrat. Da war endlich Platz für alle, zum gemeinsamen Beten und Reden: nicht nur für Männer und Frauen, nicht nur für Sunniten und Schiiten, nicht nur für Türken, Araber, Deutsche, sondern auch für Aleviten, Christen, Juden und Jesiden. Diese Moschee hat den "wahren" Islam nicht gepachtet, sondern will ihn gemeinsam mit Andersgläubigen neu denken. Will unterschiedliche Wahrheitsansprüche gelten lassen. Ein Traum vom Religionsfrieden!

Vielleicht war der doch naiv. Montagfrüh kam die Hiobsbotschaft aus London, Montagnachmittag folgte die Fatwa. Sie ist mit einem Foto der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee illustriert und besagt: Eine Frau darf kein Gebet anleiten, Frauen und Männer dürfen nicht im selben Raum beten, Frauen in einer Moschee nicht ohne Kopftuch sein. Denn dies sei unislamisch. Im Klartext: todeswürdig.

So klingelte denn am Dienstag die Polizei bei der Moscheegründerin Seyran Ateş, die Morddrohungen bekommen hatte, außerdem beriet das LKA, ob man die Sicherheitsstufe der Anwältin erhöhen müsse. Auch für ihren Mitstreiter Abdel-Hakim Ourghi war die Lage brenzlig. Der Professor, der an der Universität Freiburg den Fachbereich Islamtheologie leitet, wurde mit Drohmails überschüttet: "Ihr dreckigen Hunde!", "Liberale Bastarde!", "Abtrünnige!", "Eure Sekte hat mit dem Islam nichts zu tun!" Die Moschee sei eine Verschwörung der Juden und des Westens, um die Muslime zu spalten. Reformislam habe nichts mit dem Islam zu tun: "Tötet die Liberalen, bevor sie sich vermehren!" Und: "Solche Apostaten müssen sterben!"

Ourghi sagt, er habe natürlich mit Protest gerechnet, doch manches verblüffe ihn – so die Reaktion des stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Mehmet Alparslan Çelebi schrieb auf Facebook: "Die Islamhasserin Seyran Ateş wird zur Imamin, Islamkritiker beten hinter ihr. Die Medien wissen auch nicht mehr genau, was sie denken sollen. Köstlich, wenn nicht Ramadan wäre, würde ich mir Popcorn machen." Reformmuslime sind also Islamhasser, und Islamkritiker sind Islamfeinde. Nach dieser Logik wehren sich konservative Islamverbände seit Langem gegen Reformen und gefährden nebenbei die Reformer.

Die Kairoer Al-Azhar-Universität treibt das gefährliche Argument noch weiter und schreibt in der Fatwa: Die Bekämpfung des islamischen Extremismus dürfe nicht durch eine extremistische Moschee stattfinden. – Extremistisch sind also nicht nur Terroristen, sondern auch Reformer? Der Terror im Namen des Islams hat nichts mit dem Islam zu tun und der Reformislam auch nicht? Es wäre gut, wenn solche Relativierungen endlich verstummten und der Reformislam Unterstützung fände. Bei der Moscheeeröffnung in Berlin, immerhin, traten prominente Islamwissenschaftler auf. Nun ist die Politik dran. Ali Ertan Toprak von der Kurdischen Gemeinde warf ihr vor, durch zu enge Kooperation mit den Islamverbänden die liberalen und säkularen Muslime verraten zu haben. Tatsächlich brauchen die Liberalen Schutz, sonst werden sie verstummen. Ein türkischer Nachrichtensender diffamierte die neue Berliner Moschee bereits als Gülen-Initiative und damit als terroristisch.

Ein Islamexperte, der bei der Moschee-Eröffnung zugegen war, aber anonym bleiben möchte, sagte der ZEIT am Dienstagabend: "Ich bin entsetzt über die Hasskommentare in den Netzwerken, die nicht von Salafisten kommen, sondern von 'Mainstreammuslimen', die sonst keine Gelegenheit auslassen, der Gesellschaft zu versichern, Islam bedeute 'Frieden'. Das Islamverständnis, das diese Menschen vertreten, soll zu Deutschland gehören? Auch deutsche Imame fachen durch ihre Posts den Hass an." Und was hat das nun mit dem Islam zu tun? Seine gewaltbereiten Verteidiger ebenso wie seine gewaltbereiten Gegner gefährden die ganz normalen Muslime – die gläubigen in London, und die liberalen in Berlin auch.