Die Geschichte von Climeworks klingt, als hätte sie sich ein Schweizer Standortförderer ausgedacht. Sie beginnt am 20. Oktober 2003 an der ETH Zürich. Es ist der erste Tag des Maschinenbau-Studiums von Jan Wurzbacher, damals 20, und Christoph Gebald, ebenfalls 20. Die beiden werden zusammen in eine kleine Gruppe eingeteilt. Sie sind die einzigen Deutschen unter lauter Schweizern, deshalb kommen sie ins Gespräch. "Wir verstanden einfach kein Schweizerdeutsch", sagt Christoph Gebald.

Der CEO von Climeworks, heute 34 Jahre alt, sitzt in einem Besprechungszimmer seiner Firma in Zürich-Oerlikon. Es ist heiß, die Fenster stehen offen, draußen rauscht der Verkehr. Gebald trägt ein helles Hemd und Chinos und sagt: "Es ergibt heute total viel Sinn, dass Jan und ich uns damals kennengelernt haben."

Denn aus Zufallsbekannten wurden beste Freunde und Geschäftspartner. Mit ihrer Firma Climeworks entwickelten Gebald und Wurzbacher eine Anlage, die Kohlendioxid (CO2) aus der Luft filtert. Die beiden Maschinenbauer wollen so nicht weniger als zur Lösung eines der größten globalen Probleme beitragen: der Klimaerwärmung, verursacht durch den Ausstoß von Treibhausgasen.

Seit Beginn der Industrialisierung ist die Durchschnittstemperatur auf der Welt um 1,2 Grad Celsius angestiegen. Mit spürbaren Folgen, auch in der Schweiz. Deshalb haben 195 Staaten im Dezember 2015 das Pariser Klimaabkommen unterzeichnet und vereinbart: Die Erde soll sich um nicht mehr als zwei Grad erwärmen.

Im Sitzungszimmer in Oerlikon zeichnet Christoph Gebald ein Diagramm mit zwei Achsen an sein Whiteboard. Eine steht für den zukünftigen globalen CO2-Ausstoß, die andere für die Zeit. "Wenn wir so weitermachen wie jetzt", sagt Gebald, "gehen wir hier hoch." Er deutet mit der Hand nach oben.

Dann zieht er mit seinem Filzstift eine Linie nach unten, bis diese die Y-Achse kreuzt. Gebald erklärt: "Wenn wir das 2-Grad-Ziel erreichen wollen, müssen wir hier runter." Das heißt: Nicht mehr nur immer weniger CO2 in verbrauchen, sondern das Treibhausgas aus der Atmosphäre absaugen – und vergraben.

Ein erster wichtiger Schritt gelang Gebald und Wurzbacher vor einem Monat. Ende Mai weihten sie auf dem Dach der Kehrichtverbrennung (Kezo) im zürcherischen Hinwil eine Anlage ein, die bis zu 900 Tonnen CO2 pro Jahr aus der Luft filtert. Sie besteht aus 18 Kollektoren, die mit einem speziellen Material gefüllt sind. Die Filter binden das CO2, das anschließend bei hohen Temperaturen wieder gelöst und abgesaugt wird. Die Energie dafür stammt zu einem großen Teil aus der Abwärme der Kezo.

Das so gewonnene Kohlendioxid verkauft Climeworks einer benachbarten Großgärtnerei. Durch eine unterirdische Rohrleitung strömt das Gas in ein Gewächshaus, wo damit Gurken und Tomaten gedüngt werden.

Die Medien berichteten begeistert vom "Waschgang für das Klima" (Süddeutsche Zeitung), vom "Tomaten-Turbo" (Blick), vom "Zürcher Start-up mit Weltpremiere" (NZZ). Die Idee für die Anlage in Hinwill hatten Gebald und Wurzbacher vor bald zehn Jahren, in einem Kurs für Jungunternehmer. "Wir haben die Gemüsebauern und die Müllverbrennungsanlage damals schon als Partner definiert", sagt Gebald. Beide hätten als innovativ gegolten und seien bereit gewesen, das Vorhaben des Start-ups über Jahre hinweg zu unterstützen. Auch als Climeworks die erste Anlage erst viel später als geplant produzieren konnte.

Aber es war nicht nur die ideale Konstellation von verbranntem Abfall und reifen Tomaten in Hinwil, die Gebald und Wurzbacher dabei halfen, ihre Idee zu verwirklichen. Ihr ganzes Studium richteten die beiden darauf aus, eines Tages ein Unternehmen zu gründen.

Gemeinsam lernten sie für jede Prüfung, gemeinsam schrieben sie ihre Bachelorarbeit, gleichzeitig reisten sie zu Beginn des Masterstudiums ins Ausland, Wurzbacher nach Australien, Gebald in die USA, um danach gemeinsam zu entscheiden, worüber sie eine Masterarbeit schreiben wollen.

Ihr Ziel sei es gewesen, sagt Gebald, "nach dem Studium mit einem maximal innovativen Thema dazustehen, das sich kommerzialisieren lässt". Es sei ihnen nichts in den Schoß gefallen. Sie hätten Monate investiert, mit dem Professor diskutiert, Ideen ausgetauscht, um schließlich einen Vorläufer jener Anlage zu bauen, die heute in Hinwil steht.

Gebald greift in die Mitte des Sitzungstisches: "Das System war etwa so groß wie dieses Trinkglas. Es war voll mit Filtermaterial, wir haben Luft durchgeströmt und gezeigt, dass kein CO2 mehr rauskommt." Der Professor war begeistert. Er ermunterte die beiden Maschinenbau-Studenten zu doktorieren. So konnten sie weiterforschen – und hatten dabei viele Freiheiten. "Unser Professor vertraute uns, er ließ uns machen, hat uns keine engen Zäune gesetzt."

Nicht nur ihren eigenen Professor, auch eine große Stiftung, private Investoren und das Bundesamt für Energie überzeugten Wurzbacher und Gebald schließlich von ihrem Vorhaben. So konnten die beiden jungen Unternehmer genug Geld für ihre Forschung sammeln und hatten gleichzeitig genügend Mittel, um eine erste Prototyp-Anlage zu bauen.

Noch sind sie weit davon entfernt, ihr CO2 zu Marktpreisen anzubieten. Als Nächstes wollen Gebald und Wurzbacher die Herstellung ihrer Filter optimieren. Eine Anlage, "handmade in Switzerland", sagt Gebald, "das muss natürlich nicht sein". Das geht auch günstiger, in einer automatisierten Industrieproduktion.

Gleichzeitig entwickeln Gebald, Wurzbacher und ihre mittlerweile 45 Mitarbeiter die Technologie weiter – und sie setzen sich ehrgeizige Ziele.

Ein Prozent der globalen CO2-Emissionen will Climeworks bis ins Jahr 2025 aus der Luft filtern. Nicht alles wollen sie weiterverkaufen. Ein Teil des Gases soll ganz verschwinden. Die beiden Ingenieure arbeiten mit einer Firma aus Island an einer neuartigen Anlage. Ihr Ziel: Sie wollen das Kohlendioxid versteinern.