DIE ZEIT: Frau Stern, wann hatten Sie zuletzt eine richtig gute Idee?

Elsbeth Stern: Oh! (lacht) Warten Sie mal. Vermutlich als ich vor etwa zwei Wochen für einen wissenschaftlichen Artikel, den ich zusammen mit meinen Mitarbeitern schreibe, ein neues Argument fand. In meinem Alter ist man stolz darauf, wenn man merkt, dass man doch noch manche Dinge besser kann als die Jungen. (lacht schallend)

ZEIT: Wo hatten Sie die Idee?

Stern: Ich las den Entwurf des Artikels und fand, er sei noch etwas blutleer.

ZEIT: Sie saßen also hier vor dem Computer an diesem Schreibtisch, der nicht so ganz perfekt aufgeräumt ist ...

Stern: Ja genau, dabei hab ich gerade gestern ein bisschen aufgeräumt!

ZEIT: Kann man gute Ideen provozieren?

Stern: Nein, man kann sich eine Umgebung schaffen, damit einem Ideen kommen.

ZEIT: Also aufräumen?

Stern: Zum Beispiel. Ich selber habe sehr viele Ideen frühmorgens im Bett, wenn ich eine halbe Stunde wach liege und Probleme durchgehe, die ich an diesem Tag bearbeiten will.

ZEIT: Und untertags: Hilft es Ihnen dabei, wenn Sie dabei unter einem gewissen Druck stehen?

Stern: Als ich noch an meiner Karriere gearbeitet habe, habe ich versucht, nicht unter Druck zu geraten, auch um alles noch einmal zu durchdenken. Mit zunehmender Expertise wird man souveräner, zudem treten im Arbeitsalltag ständig nicht vorhersehbare Probleme auf, denen man nachgehen muss. Da lässt es sich nicht vermeiden, dass manches auf den letzten Drücker erledigt wird, und das gelingt auch meistens. Wenn sehr viel von einer Sache abhängt, bereite ich mich aber noch heute rechtzeitig vor. Das braucht man, um Erfolg zu haben.

ZEIT: Es gibt erfolgreiche Menschen, die behaupten, sie seien nur unter Druck kreativ.

Stern: Dass man unter Druck mal einen Geistesblitz hat, okay. Aber das reicht ja nicht, man muss die Idee auch noch ausarbeiten – und andere davon überzeugen. Das ist übrigens etwas, woran man häufig scheitert.

ZEIT: Welche Fähigkeiten braucht es dazu?

Stern: Selbstsicherheit und Durchhaltevermögen. Niederlagen dürfen einen nicht entmutigen.

ZEIT: Wann lernt man das?

Stern: Ein ganzes Leben lang. Länder wie Japan und Singapur, die in internationalen Schulstudien sehr gut abschneiden, merken jetzt, dass ihre Schülerinnen und Schüler zu risikoavers sind. In Singapur macht man sich Sorgen, dass niemand eine Firma gründen will. Die Jugendlichen lernen fleißig und erwarten dann einen sicheren Job.

ZEIT: So wie in der Schweiz?

Stern: So ausgeprägt ist das hier nicht.

ZEIT: Ihnen, die Sie aus einer Bauernfamilie in Nordhessen kommen und sich zur ETH-Professorin hochgearbeitet haben, muss das seltsam vorkommen: dieses Sicherheitsdenken, diese Sattheit.

Stern: Ja, wobei: Mit meiner Uni-Karriere habe ich ja auch nach einem sicheren Hafen gesucht. Ich war mit 36 Professorin. Es war eine schöne Sache zu wissen: Jetzt kann ich machen, was ich will – natürlich im Rahmen der Wissenschaft.

ZEIT: Vielen gut ausgebildeten, intelligenten Schweizern ist sogar eine Uni-Karriere zu riskant.

Stern: Das ist ein Problem, auch an der ETH Zürich: Wir kriegen zu wenige Schweizer in die Wissenschaft. Der hohe Lebensstandard in der Schweiz verlockt dazu, sich erst mal ein gutes Leben zu gönnen. Meine Kollegen beklagen oft, dass sie tolle Schweizer Studenten haben, die aber nach dem Studium lieber ein Jahr lang etwas anderes machen wollen, bevor sie sich für ein Doktorat verpflichten.

ZEIT: Den Schweizerinnen und Schweizern fehlt der Biss?