Draußen sind es über 30 Grad, drinnen ist es gefühlt noch heißer, trotz Klimaanlage. Die Stimmung im kleinen Bürocontainer ist auf dem Siedepunkt, ein Dutzend aufgebrachter Afrikaner geht den Leiter des Flüchtlingslagers Moria auf der griechischen Insel Lesbos hart an. "Wie lange müssen wir noch hierbleiben? Wann kriegen wir endlich Asyl? Lasst uns wenigstens aufs Festland!", brüllen die jungen Männer aus dem Kongo, aus Kamerun, Nigeria, Mali und von den Komoreninseln.

Ioannis Balpakakis, ein kleiner, untersetzter Mann, wischt sich den Schweiß von der Stirn. "Bei mir könnt ihr eure Beschwerden übers Essen und die Unterbringung loswerden, für das Asylverfahren sind andere zuständig", fährt er laut dazwischen und zeigt wild fuchtelnd auf eine mit zwei hohen Stacheldrahtzäunen geschützte und nur durch eine Schleuse zu betretende Barackensiedlung, ein paar Schritte entfernt. Dort entscheiden griechische Asylbeamte, unterstützt von etwa hundert Mitarbeitern der europäischen Asylbehörde Easo, fünf Tage die Woche in zwei Schichten, wem Schutz gebührt und wer abgeschoben wird.

"Asyl und Unterbringung, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe", sagt Balpakakis, "das müsst ihr verstehen!" Doch die Männer verstehen es nicht. Wie sollten sie auch, dieses hochkomplizierte Geflecht aus internationalen, griechischen und europäischen Vorschriften sowie dem EU-Türkei-Abkommen begreifen ja selbst in Europa fast nur Experten. Was die jungen Männer ahnen, ihnen aber keiner direkt sagt: Als Afrikaner haben sie so gut wie keine Chance auf Asyl, ebenso wenig wie Pakistaner, Bangladescher und viele andere im Lager Moria. Sie gelten als Armutsmigranten und nicht wie Syrer oder Iraker als Flüchtlinge.

Darum dürfen sie die Insel während ihres Asylverfahrens auch nicht verlassen. Zum einen, weil die Türkei sie sonst nach einer Ablehnung ihrer Asylanträge nicht mehr zurücknehmen würde. Zum anderen aus Sorge, dass die Flüchtlinge ob der Aussichtslosigkeit ihrer Schutzbegehren sofort auf dem Festland untertauchen und weiter nach Norden ziehen würden, nach Deutschland zum Beispiel oder nach Schweden. Griechenland rühmt sich immer noch, 45 Prozent der Asylanträge anzuerkennen. Doch für die meisten Flüchtlinge, die seit dem Türkei-Deal auf Lesbos gestrandet sind, gibt es nur zwei Wege, um von der Insel runterzukommen: zurück in die Heimat oder in die Türkei.

Moria, diese schattenlose Zelt- und Containerstadt, ist seit dem 20. März 2016, jenem Tag, an dem das Abkommen mit der Türkei in Kraft trat, ein sogenannter Hotspot. Ein Testgelände, auf dem die Europäische Union demonstrieren will, dass sie mit der Hilfe von Nachbarn, mit neuen Gesetzen, viel Geld und viel Personal die Flüchtlingskrise halbwegs in den Griff bekommt. Fünf solcher Hotspots auf fünf Inseln gibt es bislang, jener auf Lesbos ist mit Abstand der größte.

Seit jenem Märztag ist die Türkei verpflichtet, alle syrischen Flüchtlinge, die von der türkischen Küste aus auf einer griechischen Insel landen, zurückzunehmen. Und inzwischen genauso wichtig: Auch alle anderen Flüchtlinge, die auf einer griechischen Insel um Asyl nachsuchen und deren Anträge rechtskräftig abgelehnt wurden, dürfen in die Türkei zurückgebracht werden. Einst als bloße Durchgangsstation geplant, dient Moria heute als Registrierzentrum, erste Asylinstanz und Abschiebeknast. Für die einen ist der Hotspot ein riesiges Gefängnis, ein Symbol der Unmenschlichkeit. Die EU und die griechische Regierung hingegen sehen in Moria ein Modell.

Eine halbe Flugstunde von Lesbos entfernt spricht Migrationsminister Ioannis Mouzalas in einem schmucklosen Raum im Athener Parlament zufrieden von einem "Paradigmenwechsel". Vor zwei Jahren vom linken Premier Alexis Tsipras ins Kabinett geholt, ist der 62-Jährige mit verantwortlich für das Gelingen des Experiments. "Was wäre die Alternative gewesen?", fragt der ehemalige Gynäkologe und Mitbegründer der Hilfsorganisation Ärzte der Welt, der in über 25 Auslandseinsätzen selbst Flüchtlingen geholfen hat. "Mein kleines Griechenland wäre untergegangen, die EU zerbrochen und vom internationalen Flüchtlingsschutz nicht mehr als eine schöne Erinnerung geblieben."

Und dann nennt er ein paar Fakten: Es gebe kaum noch Tote in der Ägäis; statt 2.000 bis 3.000 Flüchtlinge kämen nur noch 50 bis 100 am Tag; es kämen so gut wie keine Syrer und Iraker mehr, stattdessen, wenn auch in viel kleinerer Zahl, vor allem Afrikaner, Pakistaner, Afghanen und Bangladescher. "Für die meisten von ihnen muss Moria eine Sackgasse sein", sagt Mouzalas. "Wir machen uns immer erst Gedanken über Flüchtlinge, wenn sie in Europa sind. Dabei ist es eines der größten Menschenrechtsverbrechen, dass sie sich auf das grausame Schleusergeschäft einlassen müssen. Sie brauchen Schutzzonen gleich in der Nähe ihrer Heimat."

Mouzalas größter Albtraum ist es, dass der Deal mit der Türkei platzt, wieder Zehntausende Flüchtlinge in Griechenland stranden und die Hotspots zusammenbrechen. "Unsere Inseln", sagt Mouzalas, "dürfen nicht noch einmal zu riesigen Auffanglagern werden. Das halten wir nicht aus. Das erträgt auch Europa nicht. Die Lasten müssen auf alle europäischen Schultern verteilt werden." Und dann wettert er gegen eine Handvoll EU-Staaten, vor allem osteuropäische, die keine Flüchtlinge aufnehmen und sich jeder Solidarität verweigern. "Die kümmert es doch nicht, ob unsere Hotspots funktionieren."

Vor Kurzem noch galt Moria als Schandmal, als Symbol griechischen und europäischen Versagens. Zigtausende von Flüchtlingen harrten monatelang in windschiefen Zelten aus, nur notdürftig versorgt und ohne jede Information, wie es mit ihnen weitergehen sollte. Im April 2016 besuchte Papst Franziskus das Camp und verglich es entsetzt mit einem Konzentrationslager. Es gab hier Aufstände, Zelte und Container wurden in Brand gesetzt, die EU-Kommission nannte die Verhältnisse "unhaltbar", die griechische Polizei verweigerte Journalisten den Zutritt.