Als Bernie Sanders im Rennen um die amerikanische Präsidentschaftskandidatur gegen Hillary Clinton verloren hatte, schrieb er ein Buch über Ignoranz. Er schrieb über Auftritte in der Provinz, die niemand beachtet hatte. Er schrieb über Begegnungen mit Reportern, die nichts über die politischen Ziele der Kandidaten wissen wollten, sondern nach Hillarys neuer Frisur fragten oder danach, was er am Morgen gefrühstückt habe. Er schrieb ein Buch über die Mechanismen des Wahlkampfs, gegen die er nicht angekommen war.

Was bedeuten diese Erfahrungen für Deutschland und den Bundestagswahlkampf im Herbst? Gelten ähnliche Mechanismen auch hierzulande? Hier ignoriert die Kanzlerin alle inhaltlichen Debatten, geht jeder innenpolitischen Auseinandersetzung aus dem Weg. Bei der Rente will sie erst nach der Wahl inhaltlich werden; bei den Steuern verspricht sie milliardenschwere Entlastungen, ohne erklären zu können, woher das Geld dafür kommen soll; zur digitalen Zukunft sagt sie: nichts. Es schadet ihr nicht, auch weil sie von den Medien kaum attackiert wird, und so gesehen agiert Angela Merkel taktisch klug. Sie wiegt ihre Wähler in Sicherheit und verschreckt sie nicht.

Was bringen Maß und Mitte, wenn Merkel die Mitte schon maßvoll besetzt?

Ihr Herausforderer will es besser machen, sprich: besonders seriös. Nahezu im Wochenrhythmus konkretisiert Martin Schulz sein Programm, zur Rente, zu den Steuern, alles sehr solide durchgerechnet – aber eben auch ohne Ecken und Kanten. Schulz will nichts versprechen, was er nicht halten kann. Doch was bringen Maß und Mitte, wenn Merkel die Mitte schon maßvoll besetzt?

Ein erfolgreicher Wahlkampf lebt von der Zuspitzung. Vom Kampfgeist. Und vom Mut, ins Risiko zu gehen. Man kann einen politischen Wechsel nicht herbeiführen, indem man darauf zielt, den Wählern die Angst vor dem Wechsel zu nehmen. Mehr vom selben anzubieten funktioniert nur, wenn die Amtsinhaberin angeschlagen ist. Und das ist Merkel nicht (mehr).

Es muss für Schulz also darum gehen, ein Gefühl auszulösen: dass da jemand ist, der unbedingt etwas will. Der an sich glaubt. Und der in wenigen Sätzen umreißen kann, wie er sich die Zukunft des Landes vorstellt. Es ist, wenn man so will, das Gefühl der ersten Tage von Schulz’ Kandidatur, als er die SPD elektrisierte und viele Bürger emotionalisierte. Dieses blieb bei der Arbeit an einem superseriösen Programm irgendwo auf der Strecke. Schulz braucht: mehr Chuzpe.

Stattdessen lädt die SPD geradezu zum Widerspruch ein. Auch das grundsolide Steuerkonzept der Sozialdemokraten enthält Bausteine, die sich Konservative wie Linke herausgreifen werden, um sie gegen Schulz zu verwenden.

Der Kandidat will eine höhere Erbschaftsteuer? Dann müsste er Wahlkampf gegen die eigenen Leute machen, schließlich haben die Sozis in Merkels Regierung einem Kompromiss bei den Erbschaften zugestimmt!

Schulz scheut die Vermögensteuer? Das passt doch nicht zu seinen Reden über die ungleichen Vermögensverhältnisse im Land!

Am Ende wird das Bild eines Herausforderers bleiben, der sich im Klein-Klein verliert und von dem man nicht sagen kann, was denn die zwei oder drei großen Dinge sind, die sich mit ihm wirklich ändern würden. Die Arbeitswelt zum Beispiel beginnt sich gerade dramatisch zu verändern, man spürt das an den Werkbänken genauso wie in den Büros: Ganze Geschäftsmodelle wanken; die Leute werden anders arbeiten; auch die Einkommen werden sich verändern. Man muss darauf keine fertigen Antworten haben. Aber eigentlich müsste gerade die Partei der Arbeiter etwas zur Arbeitswelt sagen.

Mehr Chuzpe hieße auch, auf einen Ratschlag erfahrener Wahlkämpfer zu hören: Wenn du zu deinem Gegner nicht aufschließen kannst, dann hole ihn zu dir herunter. Die SPD könnte den Blick auf die Zeit nach Merkel richten – es ist ja nicht sicher, ob man die Kanzlerin für volle vier Jahre bekommt, wenn man sie noch einmal wählt. Man könnte auch thematisieren, dass zu Merkel untrennbar Seehofers CSU gehört – und nur weil die Bayern aus taktischen Gründen schweigen, ist der Streit über die Flüchtlingspolitik ja nicht vorbei.

Ein Herausforderer sollte die Amtsinhaberin fordern – nicht schonen. Am Ende gilt: Nur freche Jungs kommen ins Kanzleramt. Brave Jungs landen höchstens wieder in der großen Koalition.

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