Ich hab mal eine Dokumentation über Wolfgang Schäuble angeschaut. Es hieß darin, dass Schäubles großer Karriereschub in der CDU begann, als Helmut Kohl Bundeskanzler wurde. Schäubles Frau wurde interviewt, und sie erinnerte sich daran, dass Helmut Kohl damals für die CDU "Aufbruch" bedeutete. Und "frische Luft".

Ich dachte nur: Helmut Kohl? Frische Luft?

Ich würde so gern etwas Nettes über Helmut Kohl sagen. Aber wenn ich über seine Bedeutung für mich nachdenke, fallen mir als Erstes nicht die Begriffe "Wiedervereinigung" oder "zusammenwachsendes Europa" ein. Wenn es nach Kohl gegangen wäre, hätten Leute wie ich weder im wiedervereinigten Deutschland noch in Europa etwas zu suchen.

Helmut Kohl stand für ein Deutschland meiner Kindheit Anfang der achtziger Jahre, das ich nicht mochte und das mich nicht mochte. Ein hartes, graues, angstverzerrtes Deutschland der Waschbeton-Kübel in den Innenstädten. Ein Deutschland, das meine Eltern duzte und sie fragte: Wann Heimat gehen? Ein Deutschland, das mit dem heutigen nicht mehr viel zu tun hat.

Kohl ist Einwanderern, vor allem denen aus der Türkei, die als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, und ihren Kindern, die hier groß geworden sind, in erster Linie nicht als "Kanzler der Einheit" begegnet, sondern als der Mann, der sie loswerden wollte. Was Einwanderer in seinen Reden und Äußerungen immer spürten, hätte Kohl am liebsten in die Tat umgesetzt. So soll er Margaret Thatcher gegenüber gesagt haben, dass er die Zahl der Türken um 50 Prozent verringern wolle, wie später veröffentlichte Dokumente belegen, die Spiegel Online einsehen konnte.

Dieser Plan ging nicht auf, deshalb versuchte er es mit Geld: Seine schwarz-gelbe Regierung bot Gastarbeitern eine "Rückkehrpremiere" von 10.000 D-Mark an, damit sie das Land verlassen. Ich kann mich erinnern, wie sehr sich meine Eltern wegen dieses Angebots sorgten, hatten sie sich doch gerade entschlossen, in Deutschland zu bleiben. Sie gingen davon aus, dass die Almans uns jederzeit aus ihrem Land rausschmeißen könnten, wenn sie wollten.

Am tiefsten hat sich der Begriff "Beileidstourismus" ins Gedächtnis vieler Einwanderer und ihrer Nachkommen eingeprägt. Nach dem Anschlag von Neonazis auf die Familie Genç 1993 in Solingen, bei dem fünf Familienmitglieder starben, weigerte sich Kohl, an der Trauerfeier teilzunehmen.

Aber nicht einmal dieser mächtige Mann konnte das Zusammenwachsen verhindern, nicht einmal bei seinen engsten Verwandten: Sein Sohn Peter heiratete eine Türkin. Und Mevlüde Genç, Mutter, Großmutter und Tante der Ermordeten von Solingen, erhielt das Bundesverdienstkreuz, für ihre Verdienste um die Versöhnung im Land.