Grenzen sind eine super Sache. Egal, ob als Mauer mit Stacheldraht obendrauf, als Zaun, als aufgeschütteter Sandwall in der Wüste oder als imaginierte Linie, sichtbar nur auf Landkarten – Grenzen sind gut, wenn sie zwei Dinge bewerkstelligen.

Wenn sie auf der einen Seite, drinnen, Menschen vereinen, die sich so ähnlich sind, dass sie sich bei der Frage einigen können: Wer soll uns regieren?

Und wenn sie auf der anderen Seite jene draußen halten, mit denen sich die Menschen drinnen nie und nimmer auf eine Antwort einigen könnten.

Ist beides erfüllt, ist eine Grenze ein Instrument der Ordnung. Wenn nicht, ist sie ein Garant der Gewalt.

Latakia ist eine Stadt in Syrien. Sie liegt am Mittelmeer und hat einen schönen Strand. Diesen Sommer planschen die Menschen dort wieder in der sanften Dünung und rauchen Wasserpfeife.

Auch Idlib ist eine Stadt in Syrien. Dort werden Menschen von Fassbomben zerfetzt. Im Frühjahr gingen Bilder aus einem nahe gelegenen Dorf um die Welt. Sie zeigten vergaste Kinder mit schaumigen Mündern.

Latakia und Idlib liegen nur 120 Kilometer voneinander entfernt. Beide Städte werden regiert von Baschar al-Assad. Die Einwohner von Latakia, mehrheitlich Alawiten, finden das gut. Die Bewohner von Idlib, mehrheitlich Sunniten, wollen ihn stürzen. Sie sind Menschen, die drinnen sind, aber lieber draußen wären. Für sie sind die Landesgrenzen eine Gefängnismauer.

Alawiten und Sunniten haben einen Herrscher. Sie hätten lieber zwei.

Einige Hundert Kilometer weiter östlich liegt die Heimat der Kurden. Ein Land, durchzogen von massiven Bergkämmen, mächtigen Flüssen und schattigen Tälern – aber auch von einer Vielzahl von Grenzen, der syrisch-türkischen Grenze, der irakisch-türkischen, der syrisch-irakischen, der iranisch-türkischen, der irakisch-iranischen.

Die Kurden leben in vier Staaten. Sie hätten lieber einen einzigen. Ein eigenes Drinnen.

In einer hügeligen Einöde mehrere Hundert Kilometer weiter südwestlich wiederum fährt Mohammed Nasser Tra’ayra, 17 Jahre alt, an einem Sommertag 2016 zwei Kilometer ins Nachbardorf. Dort dringt er in ein Haus ein, schleicht sich ins Kinderzimmer, wo ein 13-jähriges Mädchen im Bett liegt und schläft. Er sticht mit einem Messer so lange auf das Mädchen ein, bis es tot ist.

Tra’ayra hat nichts gegen das Mädchen persönlich. Aber es wohnt in Kirjat Arba, einer israelischen Siedlung im palästinensischen Westjordanland. Es ist ein politischer Mord. Er, ein Palästinenser, tötet sie, eine Israelin, um ihrer Regierung eine Botschaft zu schicken: Dies ist unser Land!

Wie soll eine Grenze sinnvoll in ein Drinnen und ein Draußen unterscheiden, wenn zwei Völker um denselben Boden streiten?

Angenommen, man säße in einem Zeppelin, der hoch über Arabien schwebt. Der Blick reicht vom Mittelmeer bis zum iranischen Hochland, von den Gebirgen Anatoliens bis zum Persischen Golf. Angenommen, man könnte jeden einzelnen Bewohner dort unten als winzigen Punkt sehen.

82 Millionen Iraner.

80 Millionen Türken.

38 Millionen Iraker.

28 Millionen Saudi-Araber.

17 Millionen Syrer.

8 Millionen Libanesen.

8 Millionen Jordanier.

8 Millionen Israelis.

5 Millionen Palästinenser.

Ein Bild aus 274 Millionen Pixeln. Wenn man sich weiter vorstellt, man sähe all die Menschen, die zufrieden mit den Grenzen ihres Landes und dessen Herrschaftsform sind, als weiße Pixel und alle, die sich danach sehnen, diese zu ändern, als schwarze – man blickte hinab auf riesige schwarze Flächen, die sich wie Krebsgeschwüre durch die Region fräßen.

Im Westirak stellen sich die Sunniten gegen die schiitische Regierung in Bagdad. Im Osten Saudi-Arabiens hassen die Schiiten die sunnitische Regierung in Riad. Das Westjordanland, Gaza, die Kurdengebiete, der Osten Syriens: alles schwarz.

Middle East, Proche Orient, Naher Osten – egal in welcher Sprache, diese zwei Wörter werfen sofort das Kopfkino an. Bärtige Terroristen, die sich in die Luft sprengen. Brennende Ölfelder. Ausgebombte Häusergerippe. Pick-ups mit aufmontierten Maschinengewehren. Krieg in Syrien. Schlachten im Irak. Kämpfe in der Türkei. Intifada in Israel. Überall Terroranschläge. In den vergangenen hundert Jahren gab es etwa 80 Kriege und Krisen im Nahen Osten. Schätzungen zufolge sind dabei 6,5 Millionen Menschen gestorben. Wahrscheinlich waren es viel mehr.

Wie konnte es dazu kommen? Warum wurde ausgerechnet der Nahe Osten zur Bühne für Blutrunst und Gemeuchel?

Die gängige Antwort lautet: Zu viele Völker, zu viele Konfessionen auf engem Raum, aufgeheizt von religiösem Furor. Doch das ist nur auf den ersten Blick überzeugend, wie ein schlechtes Buch mit schönem Umschlag. Wer wirklich verstehen will, warum der Krieg in diesem Teil der Welt nicht endet, muss hundert Jahre zurückblicken, in eine Zeit, in der es die gegenwärtigen Grenzen noch nicht gab, in der all das, was heute "Naher Osten" heißt, ein einziges gewaltiges Reich war, ein untergehendes.