Seit fast einem Jahr arbeitet Josef Gotsch inzwischen an dem Haus, heute soll das Terrassendeck verlegt werden. Steht man am provisorischen Geländer, sieht man in der Ferne das neue World Trade Center an der Südspitze von Manhattan. "Super", sagt Gotsch, als er hinüberblickt, und selbst über das eine Wort legt sich ein dicker Akzent, auch nach all den Jahren.

"Joe" Gotsch, wie man den gebürtigen Tiroler in der New Yorker Upper Class nennt, ist 50 Jahre alt und sieht aus wie ein Mann, der sein Leben auf Baustellen verbracht hat: Eine mächtige Statur, das T-Shirt mit dem Aufdruck "Pino de Austria" spannt um den Bauch, die weite Jeans hängt tief und verdeckt die mit Farbe bespritzten Schuhe. Doch für die Kunden im schnellen New York ist der Bauunternehmer mit seiner Firma Innsbruck Renovations zum go-to guy für exklusive Wünsche geworden. Gerade jetzt, wenn sich die betuchten Bewohner Manhattans für den Sommer in ihre Strandhäuser in den Hamptons zurückziehen, bricht für Gotsch die Hochkonjunktur an: Dann verpasst er ihren Lofts, Penthouses und Apartments in der Stadt einen neuen Look, der die betuchte Klientel zwischen 600.000 und zwei Millionen Dollar kostet.

Baustellen wie das Brownstone im Brooklyner Stadtteil Carroll Gardens, das er erst entkernt hat und jetzt für die neuen Besitzer nach ihren Wünschen umbaut, sieht man inzwischen überall in der Gegend. Noch vor zehn Jahren waren sie zweite Wahl, heute kosten die Häuser schnell mehrere Millionen Dollar. Unten an der Baustelle fällt das kleine rot-weiße Firmenschild mit dem antiquierten Schriftzug und dem österreichischen Adler ins Auge. Überall prangt er, wo Gotsch am Werk ist. Auf den T-Shirts seiner Arbeiter, am Dach und an den Seiten seines Firmenwagens, und vorn auf der Kühlerhaube liegt der stolze Vogel auf einer österreichischen und einer amerikanischen Flagge. Das Kennzeichen lautet "Insbruck", mit einem N – mehr Buchstaben waren nicht erlaubt.

Seine Herkunft, die auch nach 30 Jahren in New York in seinem Akzent heftig durchklingt, hat Joe Gotsch zu seinem Markenzeichen gemacht. Innsbruck habe gut geklungen, erklärt Gotsch die Wahl des Firmennamens, und "jeder einigermaßen gebildete Amerikaner" wisse schließlich, wo es liege. Auch den Ruf der Österreicher würden sie hier kennen, sagt Gotsch: "Handwerk in Europa ist viel besser."

Vor fast 30 Jahren kam Gotsch aus dem 3.000-Seelen-Dorf Mils bei Hall nach Amerika. Da war er gerade 21 Jahre alt. Er hatte das Bundesheer hinter sich gebracht und ein Jahr lang als einziger Geselle bei einer kleinen Baufirma in Innsbruck gearbeitet. Doch Gotsch wollte mehr, er habe das Gefühl gehabt, stehen zu bleiben, erzählt er in einem kleinen Diner ganz in der Nähe der Baustelle. Schon zum Mittagessen steht heute ein kaltes Bier auf dem Tisch, an das sich viele weitere anschließen. Gotschs Haare sind kurz und sehen aus wie bei jemandem, der zum Friseur geht, weil man eben muss. Er spricht mit tiefer Stimme, der Dialekt wird immer dann besonders stark, wenn sich Schimpfwörter in seine Sätze schleichen, in die sich dann auch immer wieder englische Phrasen mischen.

Eigentlich hatte er nach Kalifornien gehen wollen, die Filme aus Hollywood hatten seine Sehnsucht geweckt. Doch der Plan ging nicht auf: Es gebe leider gerade keine Flugtickets nach Kalifornien, hieß es am Schalter in München – aber New York gehe. Gut, dann also New York. Das Rückflugticket wollte sich Gotsch sparen, kaufen musste er es trotzdem. "Ich hatte nicht vor, zurückzukommen", sagt Gotsch.

Kurze Zeit später, im Juni 1988, landete der junge Tiroler am John F. Kennedy Airport. Englisch sprach er kaum, in ein Heft hatte er geschrieben: "My name is Josef Gotsch. Where is the Bus to New York?" Den Glücksdollar, den ihm die Dame am Ticketschalter in München gegeben hatte, hat er noch immer.

Zwei Jahre lang lebte er in der Bronx. Arbeit fand er bei einem Österreicher, für den er Wohnungen renovierte. Jeden Sonntag fuhr er frühmorgens mit der U-Bahn hinunter in den Battery Park, nahm von dort die Fähre hinüber zur Freiheitsstatue, legte sich mit seinem Walkman ins Gras und lernte Englisch. Über Empfehlungen begann er nach und nach, auf eigene Faust Wohnungen zu renovieren. Bald machte sich Gotsch selbstständig. "Seitdem hat es nicht mehr aufgehört", erzählt er. Anfangs hatte er sechs Mitarbeiter, heute sind es 20. "No regrets", sagt Gotsch nach einer kurzen Pause, als habe er noch einmal prüfen müssen, ob das auch wirklich so ist. Aber nein: Er bereut nichts.