Es ist schwül in Berlin an diesem Montagmorgen im Juli 1967. Unter den Stuckschnörkeln im Saal 700 des Moabiter Landgerichts staut sich die Wärme. Obwohl es noch früh ist, sind die Zuschauerränge bereits voll besetzt. Seit Wochen spekuliert die Republik über den Ausgang des "Blutrichter-Prozesses". Alle großen Zeitungen berichten. Wird das Gericht Hans-Joachim Rehse verurteilen? Am Volksgerichtshof, dem obersten NS-Gericht, ließ Rehse Witzeerzähler henken und Widerstandskämpfer erschießen. Wer nicht an den "Endsieg" glaubte, den schickte er in den Tod.

Es geht auf Mittag zu, als der Vorsitzende Richter Friedrich Geus, seine Beisitzer und die Schöffen in den Gerichtssaal schreiten. Aus einer anderen Tür tritt der Angeklagte.

Hans-Joachim Rehse ist klein, kaum größer als eins sechzig, die Haare hat er mit Pomade zurückgekämmt, unter dem Arm trägt er einen Aktenordner. Während der vorherigen Verhandlungstage ist er stets ruhig geblieben, wachsam, hat die Zeugen genau taxiert. So schreiben es die Gerichtsreporter. Wenn ihn der Richter etwas fragte, hat er zunächst den Stift gezückt, mitgeschrieben, dann geantwortet, sachlich, präzise, scharf. "Virtuos" nennt der Spiegel seinen Auftritt später.

Nun ist die Gelassenheit aus seinem Gesicht gewichen. "Im Namen des Volkes", setzt der Richter an und verkündet das Urteil: "Wegen Beihilfe zum Mord in drei Fällen und Beihilfe zum versuchten Mord in vier Fällen wird der Angeklagte zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt."

Freislers Urteil steht rasch fest: "Die Rübe muss runter!", zitiert ihn Rehse vor Gericht

Man könne, begründet Geus das Urteil, dem Angeklagten nicht vorwerfen, dass er zur Zeit des Nationalsozialismus Richter war, dass er Todesurteile verhängte, ja nicht einmal, dass er als glühender Nazi davon überzeugt war, der "Volkskörper" müsse von allen "Schädlingen" gesäubert werden. Doch Rehse habe in sieben Fällen Urteile unterschrieben, bei denen das Recht gebeugt wurde. Trotz seiner exzellenten juristischen Ausbildung habe er mitangesehen, wie die Angeklagten gedemütigt wurden, und Urteile gesprochen, die das angemessene Strafmaß bei Weitem überschritten. "Er war ein typischer Befehlsempfänger", sagt Geus, und habe sich ganz dem Urteil seines Vorsitzenden unterworfen. Der hieß Roland Freisler und war der Präsident des Volksgerichtshofs – Hitlers berüchtigter Jurist.

Rehse war sein Beisitzer, neben Freisler der einzige Berufsrichter im Ersten Senat des obersten NS-Gerichts, Freislers rechte Hand. Unter 231 Todesurteilen steht sein Name. Insgesamt verurteilte der Volksgerichtshof mehr als 5.000 Menschen zum Tode. Als "Terrorinstrument" bezeichnete ihn deshalb die Staatsanwaltschaft im Rehse-Prozess – eine Deutung, der sich das Gericht nicht anschließt: "Der Volksgerichtshof war ein ordentliches Gericht", sagt Geus, "so eigenartig das klingen mag."

Dass gegen Rehse an diesem 3. Juli 1967 ein Urteil ergeht, ist dennoch ein Erfolg: Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik wird ein Jurist für seine Vergehen zwischen 1933 und 1945 schuldig gesprochen. Mehr als zwei Jahrzehnte nach Kriegsende, so scheint es, beginnen westdeutsche Gerichte endlich, die Verbrechen der NS-Justiz zu ahnden. Die zigtausend Richter und Staatsanwälte, die einst ihren Eid auf den "Führer" geschworen haben und nach dem Krieg unbehelligt in ihre Berufe zurückgekehrt sind, müssen nun bangen. Denn im Saal 700 des Moabiter Landgerichts geht es nicht bloß um Rehse. Es geht um die Frage, ob heute Unrecht ist, was damals Recht war.

Hans-Joachim Rehse, geboren 1902, hat im NS-Justizapparat rasch Karriere gemacht: Prädikatsexamen 1932, Parteieintritt im Mai 1933; zuvor war er Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP). 1934 wird er zum Richter ernannt. Fortan arbeitet er am Volksgerichtshof, von 1942 an im Ersten Senat von Roland Freisler.

Herbst 1943: Nach der Niederlage von Stalingrad wird die Wehrmacht von der Roten Armee überrannt, alliierte Bomber legen deutsche Städte in Schutt und Asche. Vor Rehse und Freisler steht ein Priester: Max Josef Metzger, schlohweißes Haar, der Gründer der ökumenischen "Una Sancta"-Bewegung ("Eine heilige Kirche"). Um Ostern hat der Pater eine Denkschrift verfasst, Ideen für eine Nachkriegsordnung: Demokratisch und föderal solle Deutschland werden – die Industrie verstaatlicht, das Heer zerschlagen.

Am Vormittag haben Freisler und Rehse bereits drei "Volksschädlinge" wegen "Wehrkraftzersetzung" zum Tode verurteilt, weil sie öffentlich an Hitlers Stärke gezweifelt hatten. Metzger ist ihr vierter Fall. Das Tribunal dauert nicht länger als eine Stunde: "Pestbeule" nennt Freisler den Pater. Leute wie ihn müsse man "ausmerzen". Der Richter mimt den Ankläger: "Una Sancta, una sancta – una sanctissima – una – das sind doch wir. Und weiter gibt es nichts!" Die Beratung dauert keine zehn Minuten. Wie so oft steht Freislers Urteil rasch fest: "Die Rübe muss runter!", zitiert ihn Rehse 1967 vor Gericht.

Prozessregeln und Gesetzestexte kümmern "unseren Wyschinski", wie Hitler seinen Blutrichter in Anspielung auf Stalins Chefankläger nennt, wenig. "Klebt nicht zu sehr an den Buchstaben", ermahnt Freisler seine Kollegen. So heißt es in der schriftlichen Begründung des Todesurteils: "Die ganze Handlungsweise Metzgers ist so ungeheuerlich, daß es gar nicht darauf ankommt, ob sie sich nun juristisch als Hochverrat kennzeichnen läßt." Am 17. April 1944 stirbt Metzger durch das Fallbeil.