Es sieht aus wie eine Artischocke auf Beinen. Es angelt Ameisen mit einer 40 Zentimeter langen Zunge. Es ist Ihnen wahrscheinlich noch nie begegnet: das Pangolin. Was aussieht wie eine Erfindung aus einem Kinderbuch, ist ein real existierendes Lebewesen aus Afrika und Asien. Genauer: das einzige Säugetier, das Schuppen hat. In manchen Gegenden dieser Welt wird ihm ein besonderer Wert zugeschrieben, als vermeintlicher Lieferant von Heilmitteln und als Delikatesse.

Diese vergiftete Wertschätzung ist gerade dabei, dem Tier zum Verhängnis zu werden. Es könnte von der Erde verschwunden sein, bevor die meisten Menschen auch nur von ihm gehört haben.

Pangolin zu konsumieren gilt in bestimmten Kreisen der asiatischen Oberschicht als Luxus. Die Nachfrage ist in den vergangenen Jahrzehnten explodiert, das Schuppentier hält nun einen traurigen Rekord: Kein anderes Lebewesen wird häufiger von Wilderern gefangen, getötet und geschmuggelt als das Pangolin. Sein Schicksal zeigt, wie gnadenlos international organisierte Verbrecherbanden den Ausverkauf der Natur betreiben und wie leichtfertig viele Gesellschaften diese Verbrechen ignorieren. Der illegale Handel mit Arten ist zum lukrativen Geschäft geworden, mit hohen Gewinnmargen und geringem Risiko. Welchen Preis Ökosysteme und damit auch Menschen für diesen Raubbau an der Natur zahlen, lässt sich oft erst sagen, wenn es zu spät ist.

Einer der Hotspots der Wilderei ist Vietnam. Im Norden des Landes lebt ein Mann im Dschungel, der sein Leben den gepanzerten Ameisenfressern gewidmet hat. Man trifft ihn drei Autostunden von Hanoi entfernt, im Cuc-Phuong-Nationalpark. Nur wenige Menschen auf der Welt wissen so viel über Pangoline wie Thai Van Nguyen. Vielleicht ist das der Grund, warum ihn die Aura des erschöpften Kämpfers umweht: Er ahnt, dass er unterlegen ist, dass es für ihn aber keine andere Option gibt als weiterzukämpfen.

Thai Van Nguyen ist Vorsitzender von Save Vietnam’s Wildlife, einer Umweltschutzorganisation zur Rettung von Vietnams Wildtieren. Schon der Name enthält das ganze Drama seines Schaffens. Denn Vietnam ist einer der zentralen Staaten im internationalen Netzwerk der Wildtierkriminalität. Es ist Drehscheibe für den Schmuggel über Asien und gleichzeitig Ort intensiven Konsums. Pangolin wird hier als teure Delikatesse angeboten. "Es ist ein harter Kampf, den wir führen müssen, und wir verlieren immer mehr an Boden", sagt Nguyen. Er trägt dunkelgrüne Ranger-Kleidung und sieht müde aus; vornübergebeugt sitzt er an einem großen Konferenztisch in der Dschungelstation, Rollos dunkeln den Raum ab, es ist kühl.

Während wir reden, blickt Nguyen immer wieder auf das Display seines iPhones. Er scheint mit dem Gerät verwachsen und wirkt wie ständig auf dem Sprung. Seine Unruhe hat einen Grund. Gestern bekam er einen Anruf von der Polizei. Die Beamten hatten 20 Tiere von Schmugglern beschlagnahmt, die meisten sollten noch am Leben sein. Doch die Polizisten wussten nicht, wohin mit den Tieren. Nun bereiten Nguyens Männer draußen gerade den Truck vor, mit dem sie den Tieren zu Hilfe kommen wollen. Dabei hat Nguyen selbst kaum noch Kapazitäten. 50 Pangoline können in seiner Station unterkommen. Die meisten Plätze sind belegt. "Wir versuchen die Tiere hier aufzupäppeln und dann wieder auszuwildern", sagt er und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: "Das ist wenigstens der Plan."

Denn die Tiere in die Wildnis zu entlassen ist schwierig. Der neue Lebensraum muss hohe Anforderungen erfüllen. Er braucht Wald- oder Savannengebiete, und er muss vor allem sicher vor illegalen Jägern sein, sonst fallen die Tiere sofort dem nächsten Wilderer in die Hände. Nur: Sichere Habitate gibt es in Vietnam so gut wie nicht mehr.

Selbst im Cuc-Phuong-Nationalpark, an dessen Rand das Zentrum von Save Vietnam’s Wildlife liegt, sind die Tiere nicht mehr sicher. Ein paar Hundert Meter von der Station entfernt befindet sich ein Ferienpark, von dem mächtige Bässe herüberschallen. Thai Van Nguyen zeigt eine Kiste voller Bremszüge von Fahrrädern. Ranger haben sie im Park eingesammelt – die Drähte werden zu Schlingfallen, wenn man sie im Wald auslegt. Sie fangen alles, was in sie hineintritt, Schildkröten, Affen, Raubkatzen, Antilopen. Für einen Dollar bekommt man zehn Fallen.

"Es ist schwierig, die beschlagnahmten Tiere sicher auszuwildern, aber ich bin schon froh, wenn die Polizisten uns überhaupt anrufen", sagt Nguyen. Oft genug kommt es vor, dass die Beamten die Tiere konfiszieren – und sie dann selbst an Restaurants weiterverkaufen. Sie müssen kaum befürchten, dafür bestraft zu werden. Denn in den wenigsten Ländern nehmen Strafverfolger Wildtierkriminalität ernst, häufig behandeln sie die Fälle wie Petitessen: Sie verhängen geringe Bußgelder oder stellen die Verfahren gleich ganz ein.

In Vietnam zeigte erst vor wenigen Monaten ein krasses Beispiel, wie einfach es ist, hier illegale Geschäfte zu machen: Im Grenzgebiet zu Laos hatte ein internationales Schmuggler-Syndikat seinen Sitz. Zwei Brüder organisierten von hier aus den Handel mit Löwenknochen, Rhinozeros-Hörnern, Schlangenhäuten und Pangolinschuppen zwischen Afrika und Asien. Ihre weitgehend illegalen Waren verkauften sie über das Internet. Obwohl den Behörden das Ausmaß des Handels und die Details bekannt waren, unternahmen sie nichts. Selbst nachdem der Guardian die Details und Verstrickungen der Bande aufdeckte, passierte nichts. Laut der NGO Freeland, die den Fall untersuchte, sind die Kriminellen bis heute aktiv. Offenbar werden sie durch besondere politische Kontakte geschützt. Dabei hatten sich erst Ende 2016 in Hanoi Vertreter aus der ganzen Welt getroffen, um über den Kampf gegen Wildtierkriminalität zu beraten.

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen schätzt, dass mit geschmuggelten Tieren jährlich rund 23 Milliarden Dollar umgesetzt werden. Wildtierkriminalität ist nach dem Handel mit Waffen, Drogen und Menschen eines der größten verbotenen Geschäftsfelder überhaupt. Und sie ist das lukrativste: minimales Risiko bei maximalem Gewinn.