Seit über drei Jahrzehnten empfinden Linksliberale Peter Sloterdijks Schriften als unerträgliche Provokation. Die Wut, die ihr Verfasser auslöst, ist bezeichnend – man erinnere sich nur an die absurde Überreaktion auf Sloterdijks Elmauer Rede über die Biogenetik und Heidegger, die aus der (ziemlich vernünftigen) These, die Biogenetik zwinge uns, neue ethische Regeln zu formulieren, ein Echo der Nazi-Rassenhygiene heraushören wollte. Bezeichnend sind solche Reaktionen deshalb, weil man Sloterdijk nicht zustimmen muss, um zu der Einsicht zu kommen, dass er genau die Sackgassen aufzeigt, die eine bequeme linksliberale Position am liebsten vernebeln möchte. Wie könnte ich seinen 70. Geburtstag also besser feiern, als seine Betrachtung dessen zu würdigen, was man als "Antinomien des Wohlfahrtsstaates" zu bezeichnen versucht ist? Die Lösung, die er für die Selbstwidersprüche des Wohlfahrtsstaats vorschlägt – eine "Ethik der Gabe" jenseits des bloßen egoistisch-besitzergreifenden Markttauschs –, kommt einer kommunistischen Vision überraschend nahe.

Sloterdijks Ausgangspunkt ist die Unterscheidung zwischen einer "subjektiven" Sozialdemokratie – politischen Parteien, Gewerkschaften und so weiter – und dem, was er die "objektive Sozialdemokratie" nennt. Damit sind sozialdemokratische Normen gemeint, die Teil unserer gemeinsamen Werte und unserer Verfassungsordnung geworden sind und im gesamten politischen Spektrum akzeptiert werden. Für Sloterdijk ist diese Akzeptanz einer der größten Erfolge unserer Gesellschaften, und sein Problem besteht genau darin, wie man diese Errungenschaften in einer Zeit bewahren kann, die sich gegen sie wendet.

Wenn man heute den Kern des Wohlfahrtsstaats retten will, sollte man jeder Nostalgie für die Sozialdemokratie des 20. Jahrhunderts abschwören. Was Sloterdijk also vorschlägt, ist eine neue Kulturrevolution, ein radikaler psychosozialer Wandel, der von der Einsicht ausgeht, dass die ausgebeutete produktive Schicht heute nicht mehr die Arbeiterklasse, sondern die obere Mittelklasse ist: Ihre Vertreter sind die wahren "Gebenden", deren hohe Besteuerung die Bildung, Gesundheitsversorgung et cetera der Mehrheit finanziert. Um diesen Wandel zu bewerkstelligen, müssen wir den Etatismus überwinden, jenes Relikt des Absolutismus, das auf seltsame Weise in unserem demokratischen Zeitalter weiterlebt: die Idee also, die selbst in der traditionellen Linken starken Zuspruch findet, der Staat habe das unbezweifelbare Recht, seine Bürger zu besteuern, ihren Beitrag zur Produktion zu ermitteln und einen Teil einzuziehen. Es ist ja nicht so, dass die Bürger einen Teil ihres Einkommens ihrem Staat geben – sie werden vielmehr behandelt, als schuldeten sie dem Staat von vornherein etwas. Diese Einstellung beruht auf einer misanthropischen Prämisse, die den stärksten Rückhalt gerade unter jenen Linken hat, die sonst Solidarität predigen: Die Menschen sind im Wesentlichen Egoisten, man muss sie zwingen, etwas zum Gemeinwohl beizutragen, und nur der Staat kann mittels seines Zwangsapparats Solidarität und Umverteilung sicherstellen.

Für Sloterdijk besteht die Ursache dieser sonderbaren sozialen Perversion in einem gestörten Gleichgewicht zwischen Eros und Thymos, zwischen dem besitzergreifenden erotischen Trieb, Dinge anzuhäufen, und dem Trieb zu Stolz und Großzügigkeit, zu einer Form von Geben, die Respekt einträgt. Um dieses Gleichgewicht wiederherzustellen, müssten wir Thymos voll anerkennen: Wir müssten die Wohlstandsproduzenten nicht als eine Gruppe behandeln, die unter dem Verdacht steht, ihre Schulden bei der Gesellschaft nicht begleichen zu wollen, sondern als die wahren Gebenden, deren Beitrag uneingeschränkte Anerkennung verdient, damit sie stolz auf ihre Großzügigkeit sein können. Der erste Schritt besteht darin, vom Proletariat zum Voluntariat überzugehen: Statt die Reichen übermäßig zu besteuern, sollte man ihnen das Recht geben, freiwillig zu entscheiden, welchen Teil ihres Reichtums sie für das Gemeinwohl spenden wollen. Zunächst sollte man natürlich die Steuern nicht radikal senken, aber wenigstens einen kleinen Bereich eröffnen, in dem den Gebenden die Freiheit eingeräumt wird, zu entscheiden, wie viel und wofür sie spenden wollen. Bescheiden, wie er ist, würde ein solcher Anfang nach und nach die gesamte Ethik ummodeln, auf der unser gesellschaftlicher Zusammenhalt beruht. Verwickeln wir uns hier nicht in das alte Paradox, freiwillig wählen zu sollen, wozu wir ohnehin verpflichtet sind? Ist es mit anderen Worten nicht so, dass die dem "Voluntariat" der "Leistungsträger" eingeräumte Wahlfreiheit eine falsche Freiheit ist, die auf einer erzwungenen Wahl beruht? Wenn die Gesellschaft normal funktionieren soll, sind die "Leistungsträger" nur dann frei in ihrer Wahl (Geld zu geben oder nicht), wenn sie die richtige Wahl treffen (und ihr Geld geben).

Es gibt eine Reihe von Problemen mit dieser Idee – und zwar nicht die, die der (vorhersehbare) linke Aufschrei gegen Sloterdijk aufs Tapet gebracht hat. Zunächst einmal: Wer sind in unseren Gesellschaften wirklich die Geber (Leistungsträger)? Wir sollten nicht vergessen, dass die Finanzkrise 2008 von den Erfolgreichen verursacht wurde und die "kleinen Leute" dem Staat die Mittel zur Verfügung stellten, um Erstere zu retten. (Exemplarisch ist hier der Fall von Bernard Madoff, der Milliarden stahl und dann den Geber spielte, der Millionen spendet.) Zweitens wird man nicht in einem Raum jenseits des Staates und der Gemeinschaft reich; dies geschieht in der Regel in Form einer gewaltsamen Aneignung, die starke Zweifel an dem Recht des reichen Gebers auslöst, das zu besitzen, was er dann großzügig weggibt. Zu guter Letzt ist Sloterdijks Gegensatz zwischen besitzergreifendem Eros und gebendem Thymos allzu einfach: Ist nicht die authentische erotische Liebe Geben in seiner reinsten Form? (Wir erinnern uns an Julias berühmte Verse: "So grenzenlos ist meine Huld, die Liebe / So tief ja wie das Meer. Je mehr ich gebe / Je mehr auch hab ich: beides ist unendlich.") Und ist der Thymos nicht auch destruktiv? Man sollte im Kopf behalten, dass der Neid (das Ressentiment) eine Kategorie des Thymos ist, der in das Reich des Eros eindringt und den "normalen" Egoismus verzerrt, indem er, was der andere besitzt, wichtiger macht als das, was ich besitze.