Mit dem christlichen Abendland ist kein Staat mehr zu machen. In Berlin ist ein deprimierender Streit darüber entstanden, ob der Nachbau des Hohenzollernschlosses wieder das Kreuz tragen dürfe, das dort seit 1854 die Laterne der Kuppel krönte. Eine großzügige Spende würde das möglich machen, für die von acht Cherubim getragene Laterne wäre wohl auch noch Geld übrig, aber selbstverständlich erregt der Gedanke an Engel fast ebenso viel Anstoß wie das Kreuz selbst.

Dass die weltanschauliche Neutralität des Staates in Gefahr sei, ist noch der simpelste Einwand. Der verwickeltere geht so: Da im Schloss das Humboldt-Forum untergebracht werde, dieses aber die außereuropäischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) zeigen solle, müsse ein christliches Kreuz, das über allem schwebt, als kolonialistische Geste verstanden werden. Oben das christliche Kreuz, unten die geraubten Ritualmasken der Südseeindianer – das sei doch eine Schweinerei, eine europäische Überheblichkeit. Obendrein werde auch heute der Religionsfrieden empfindlich gestört, wenn christliche Symbolik dermaßen privilegiert in Erscheinung trete.

Mit anderen Worten: Über das Kreuz auf dem Schloss wird diskutiert, als handele es sich um eine politische Neugestaltung und nicht um die ästhetische Rekonstruktion eines historischen Gebäudes. In der Kuppel war damals die Schlosskapelle unterbracht, das ist der Grund für das Kreuz und auch schon das ganze Geheimnis. Der preußische Staat des 19. Jahrhunderts war nicht mehr so areligiös wie noch unter Friedrich dem Großen, aber doch bei Weitem neutraler, als heute viele wissen, und gewiss von Anhängern fremder Konfessionen angenehmer zu bewohnen als seinerzeit Hessen-Darmstadt. Nur freilich, König Friedrich Wilhelm IV. war ein frommer Mann, der nicht zufällig die Vollendung des Kölner Doms betrieb und zu ruinösen Kosten finanzierte – wahrscheinlich, von heute aus gesehen, auch das eine Schweinerei und ein Verstoß gegen die weltanschauliche Enthaltsamkeit des Staates.

Weil manche das Anachronistische des Vorwurfs ahnen oder über rudimentäre Bildungsreste verfügen, wird denn auch alternativ eine zweite Verdammungsargumentation versucht: Mit dem Einzug der Kapelle in die Kuppel und mit ihrer Kreuzeskrönung sei die Niederschlagung der demokratisch motivierten Märzrevolution von 1848 gefeiert worden, mithin handele es sich um ein reaktionäres Machwerk, eine antidemokratische Geste, die vielleicht – so verstanden – nicht einmal mit dem Grundgesetz der demokratischen Bundesrepublik vereinbar wäre. Eine kleine Datierungsschwäche leistet sich die Argumentation freilich auch: Beschlossen wurde die Neugestaltung schon 1844, vollendet wurde sie 1854, das macht den Bezug auf den März 1848 etwas blässlich.

Doch wie immer es sich damit verhält: Man kann an dem Streit die ganze verhängnisvolle Neigung unserer Gegenwart ablesen, an der Geschichte ihr Mütchen zu kühlen – die Vergangenheit zu verdammen und die Jetztzeit zu feiern. Wie haben wir es doch so herrlich weit gebracht! Sehr gefestigt scheint die Haltung indes nicht. Angenommen, man vertraute wirklich auf den Humanitäts- und Liberalitätsgewinn der Gegenwart, müsste es dann nicht näherliegen, die moralische Energie in die Abwehr aktueller Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit zu stecken als in den Kampf gegen Gespenster von gestern? Und wäre es auf der anderen Seite nicht glaubwürdiger, wenn etwas von der antiislamischen Sorge um das Abendland, statt sie in Ressentiments zu investieren, auf die realen Zeugnisse des Christentums verwendet würde?

Nun ist es freilich mit dem Realen, was den Schlossbau anlangt, so eine Sache. Es handelt sich um eine Art freie Nachdichtung unter Verwendung historischer Motive und neuer Elemente. Insofern ist die Wiederherstellung der Kuppel (mit Kreuz) im Bauzustand seit 1854 keineswegs zwingend. Es gilt aber auch das Umgekehrte: Gerade weil der Neubau auf keinen bestimmten historischen Zustand zielt, spricht auch nichts dagegen, bei Kuppel und Kreuz sich auf 1854 zu beziehen. Kurzum: Weder aus Geschichte noch aus Politik oder den ästhetischen Vorgaben des Wiederaufbaus lässt sich ein belastbares Argument beziehen. Es geht wirklich allein um das Kreuz.

Und um die Botschaft des Kreuzes. Das macht die Debatte für uns Christen so verstörend und belastend. In den Attacken artikuliert sich echter Hass, bestenfalls eine Art mitleidige Verachtung für eine überlebte Religiosität, die zusammen mit der Monarchie auf den Abfallhaufen der Geschichte gehört. Vergeblich hat Wilhelm von Boddien, der ursprüngliche Anstifter zum Schlossneubau, darauf hingewiesen, dass in der Kreuzesbotschaft die Demut, die Aufopferung, die Nächstenliebe liegen, in gewisser Hinsicht die Begründung all dessen, was heute an Mitmenschlichkeit gefordert und hochgehalten wird.

Die Antwort des Berliner Kultursenators Klaus Lederer (Die Linke), zusammen mit Boddiens Beitrag in der Berliner Morgenpost veröffentlicht, war von denkbarer Kälte. Schon die Bezeichnung "Schloss" für das Gebäude sei obsolet, insofern sie die Erinnerung an Preußen, diesen Unstaat, aufrufe. Und so etwas Ähnliches wie Preußen, ein monströses Vergangenheitsgespenst, das – der Aufklärung sei Dank – glücklich überwunden sei und niemals wiederaufleben dürfe, ist ihm auch das Christentum. Ein Bekenntnis zum Christentum gefährde das Zusammenleben in der Stadt, die Toleranz – recht eigentlich die Humanität. In das Humboldt-Forum müsse man gehen können, "um über die Facetten unseres kulturellen Reichtums zu staunen, der Vielfalt unter Gottes Sonne – aber nicht unter Gottes Kreuz".

Allein über diese Entgegensetzung von Schöpfung und Kreuz könnte man lange trübe Betrachtungen anstellen. Offenbar soll dem Evangelium eine Art Naturreligion als bessere Alternative gegenübergestellt werden. Aber nicht dieses Neuheidentum, in dem sich Linke und Ultrarechte neuerdings treffen, ist das Beängstigende. Beängstigend ist, dass sich ein unchristliches Milieu allmählich zum antichristlichen mausert, und beileibe nicht nur in Berlin, wie es der Provinz manchmal scheint. Es sieht in Hamburg oder München nicht besser aus; überall meinen die Menschen, die auf den Fortschritt setzen und die Aufklärung gepachtet haben wollen, dass auf dem Weg in eine bessere Welt das Christentum nur ein Hindernis sei.

Insofern hat auch die zunächst kurios wirkende Verknüpfung mit Preußen ihre Logik. Preußen muss mitverdammt werden, um aus dem Gedächtnis zu verbannen, dass die Aufklärung in ihrem deutschen Heimatland sich keineswegs als antichristlich empfand. Die Entgegensetzung von Christentum und Aufklärung ist überhaupt ein demagogischer Popanz; doch vielleicht wissen Lederer und Genossen nicht, dass auch Voltaire sich als Christ verstand – ein Feind der Kirche, nicht des Kreuzes.

Ob Unbildung oder Demagogie: Die antichristliche Propaganda zielt darauf, wie einst zu Stalins Zeiten, das Christentum aus dem Projekt des zivilisatorischen Fortschritts auszuschließen. Was heißt das für uns? Es heißt für Christen, dass sie schon bald sehr tapfer sein müssen – und sich nicht von heiteren Kirchentagen den Ausblick auf eine bittere Zukunft vernebeln lassen dürfen. Für diese Zukunft spricht die Pilatus-Haltung, die vorsorglich von den Verantwortlichen der SPK in der Kreuzesfrage eingenommen wurde: Sie haben laut und deutlich Jein gesagt – das Kreuz dürfe gebaut werden, wenn gleichzeitig an einer anderen Fassade überlebensgroß der Schriftzug "Zweifel" angebracht würde. So bekennt man sich – beziehungsweise nicht, indem man hinter dem Rücken zwei Finger kreuzt.

Ein kleiner Trost (oder auch nicht): Der Zentralverband der deutschen Muslime hat sich energisch für das Kreuz auf dem Schloss ausgesprochen; es verletze und diskriminiere niemanden. Von den atheistischen Verfechtern der multireligiösen Gesellschaft ist der Einwurf geflissentlich überhört worden. Aber tatsächlich wissen die deutschen Muslime nur zu gut, dass Toleranz, Anerkennung und religiöser Respekt eher von den Anhängern des Kreuzes als von den Atheisten zu erwarten sind. Die Toleranz der Atheisten, die auf Religionsverachtung beruht, bedeutet nichts. Sie kann sich jederzeit in die Verfolgung jeglichen Glaubens wandeln, wie wir es in den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts schon erlebt haben.