Humboldt ist tot! Sieben Ideen, wie die Universität der Zukunft aussehen könnte.

Ein offenes Haus

Das Besondere, ja Einzigartige des Menschen entsteht durch die Summe der sozialen Kreise, in denen er oder sie sich bewegt. Die Familie, die Schule, die Nachbarschaft, der Wehrdienst, die Religion. Heute ist die Vielfalt sozialer Kreise bedroht – weil sie an Bedeutung verlieren oder man dort nur auf seinesgleichen trifft. Kann sich unter diesen Bedingungen die Individualität der Menschen überhaupt noch entfalten und aus einer Gesellschaft eine Gemeinschaft werden, die das Andere, das Fremde schätzt?

Meine Universität füllt diese Lücke. Sie ist ein Treff- und Orientierungspunkt für alle. Ein moderner sozialer Marktplatz für Menschen, Inhalte und Ideen. Sie verbindet Theorie und Praxis, Hochschule und Zivilgesellschaft, Menschen jeden Alters und aller Kulturen. Meine Universität atmet, die dicken Mauern zur Wirtschaft und Politik fallen. Analoger Diskurs ist angesagt.

Meine Universität beendet das Gezerre zwischen dualem Ausbildungssystem, Fachhochschulen und Universitäten. Nach dem Studium generale eröffnet sie Möglichkeiten für Spezialisierung und grundlegende berufliche Ausbildung. Ihre Angebote vermitteln theoretische Grundlagen und praktische Erfahrung in allen Disziplinen. Neben Erststudium und Seniorenstudium öffnet sie sich auch für die Weiterbildung von Menschen im mittleren Lebensalter.

Eine Universität dieses Zuschnitts führt Forschung und Lehre in den letzten Ausbildungsjahren zusammen, gezielt aber in der Promotion und der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Diese erfolgt grundsätzlich in Zusammenarbeit mit außeruniversitären Einrichtungen, in gemeinsam getragenen, international ausgerichteten Forschungszentren. So entstehen neue Möglichkeiten gesicherter wissenschaftlicher Laufbahnen im Lehr- und im Forschungsbereich.

Dieser Entwurf ist eine entschiedene Weiterentwicklung bestehender Elemente. Kein Luftschloss, sondern ein offenes Haus.

Kreative Ideenwerkstatt

"Mensch, Mai, ist dein Studium nicht völlig verschwendet?". So fragen meine Freunde, seitdem ich Wissensvideos für YouTube produziere. Stimmt. Lauter fachwissenschaftliche Dinge in meinem Kopf, die ich nicht mehr gebrauchen kann. Zum Beispiel, wie man ein Oszillationsrheometer benutzt. Auch rationales Denken, lösungsorientiertes Arbeiten, wissenschaftliches Recherchieren sind wertvoll – und in Wahrheit ein fast zufälliges Nebenprodukt des Studiums und meiner Promotion. Heute zehre ich am meisten von einer Ressource, die an der Uni immer rar war: Kreativität.

Die Universität der Zukunft gibt den Studenten mehr Zeit! Ein Extra-Semester, mindestens. Gestrichen werden können eine Handvoll Vorlesungen und Praktika. Das gibt Luft, zum Beispiel um einen bioabbaubaren Kunststoff im Labor zu entwickeln. Evaluiert wird nicht das Ergebnis, sondern die Herangehensweise an eine Frage. Fehler, die im Labor gemacht werden, werden zur Übung in kreativer Problemlösung. Chemiestudenten diskutieren mit Geisteswissenschaftlern. In irgendeiner Richtung wird sich der Horizont dann schon auftun.

Ich träume von kreativen Kurskonzepten und Projekten ohne Leistungsdruck. Nicht weil die armen Studenten sonst so viel lernen müssen, sondern weil kreatives Denken genauso schwierig zu erlernen ist wie Quantenmechanik.

Babylon

Bald ist Humboldt 200 Jahre tot. Lasst uns bis 2035 eine neue Hochschule gründen: die Radikale Universität (RU)! Nicht Bologna, sondern Babylon ist das Stichwort. An der RU redet man nicht verwirrt aneinander vorbei, sondern diskutiert miteinander, weil jeder Einzelne viele Sprachen spricht – das meine ich philologisch wie fachsprachlich.

An der RU ist man niemals aus-gebildet, also fertig. Eingebildet wird man dort auch nicht. Man darf mit 16 Jahren auf die RU, Abi als Zulassungsberechtigung war gestern. Wer dort studiert, kriegt ein bedingungsloses Grundeinkommen, denn das spart Verwaltungspersonal – das dann auch noch mal an die RU gehen könnte.

An der RU gibt es keine verbindlichen Fächer. Ausgezeichnet wird nicht, wer beweist, was er schon alles kann, sondern wer überzeugend skizziert, was er als Nächstes lernen will. Denn Abschluss ist Stillstand, und Stillstand ist Tod. Und tot ist ja so was von Humboldt! Wobei, hat nicht der mal geschrieben: "Der Tod ist kein Abschnitt des Daseins, sondern nur ein Zwischenereignis, ein Übergang aus einer Form des endlichen Wesens in eine andere"? So steckt in der RU mehr Humboldt als in jeder Uni bisher: unendliches, nicht lebenslanges Lernen.

Typus Bahnhof von Großheringen

Eines dieser alten Gebäude würde gebraucht, die überall stehen, mehr oder weniger genutzt, mit einer Bauhistorie, die noch nicht verstummt ist, sagen wir: Typus Bahnhof von Großheringen, Kloster Reinhardsbrunn oder so. Plus etwas gartenbautaugliches Land drum rum. Eine Stadt möglichst in E-Bike-Nähe. Auch eine oder zwei der bewährten deutschen Staatsuniversitäten sollten in Reichweite sein, wegen der Bibliotheken und der Labore.

An einem solchen Ort also ließe sich mit der Universität von vorn anfangen, das heißt klein, und klein bliebe man auch: mit etwa 30 Studenten pro Jahrgang, hochselektiv ausgesucht. Sie hätten viel zu tun: Sie müssten mit den Lehrenden – sagen wir drei Stunden am Tag – das Gebäude instandhalten, das sie bewohnen, sie müssten das Land bewirtschaften, die Energie selbst gewinnen. Und, natürlich, die allermeisten Stunden des Tages würden sie studieren: und zwar eine Geisteswissenschaft, eine Naturwissenschaft, eine Sozialwissenschaft. Zum Singen bliebe noch genug Zeit. Nur eine einzige der alten, aus der Antike kommenden Fragen würde alle von Anfang bis Ende miteinander verbinden, etwa: Was ist Eudaimonia? Oder: Was ist Freundschaft? Oder: Was ist ein Staat?

In den drei Jahren, die dieses College-Leben umfassen würde, blieben alle möglichst vor Ort, schon allein um des Gartens und der Energiegewinnung willen. Erst dann brächen sie zu ihren Fortsetzungen auf, hinein ins hochmobile Gerenne der spätmodernen Wettbewerbsarenen. Aber für drei Jahre blieben sie. Um Kraft zu tanken. Um Verlorenheiten in Verbindlichkeit zu verwandeln. Um die umgebende Wirklichkeit außerhalb der Köpfe und Bildschirme buchstäblich fruchtbar zu machen und spüren zu können, dass der Boden trägt, den man bewohnt.

Der britische Kunsthistoriker Aaron Rosen hat unlängst in seinem brennenden Plädoyer für die Mikro-Universität daran erinnert, dass eine ähnliche Idee vor hundert Jahren im amerikanischen College Deep Springs Wirklichkeit wurde. Heute würde eine solche Institution Studierende aus den Staaten aller Welt umfassen, gewiss auch solche, die eine Flucht hinter sich haben. Jeder bräuchte die Vielfalt, um im täglichen Gespräch den Perspektivenwechsel zu üben und zu erfahren, dass die eigene Biografie, das eigene Selbst aus kulturellen Quellen gespeist wird, die für Geld nicht zu kaufen sind.

Die kleine radikale Universität wäre wach. Aufmerksam für das Wenige, das in ihr entstünde. Sie konzentrierte sich auf Wertschöpfung, sozusagen. Um Boden zu gewinnen für die innere Freiheit.

Biotope für das Experiment

Die Universität muss ein Ort des organisierten Kontrollverlusts sein. Ein Ort, an dem die Gesellschaft die Abweichung prämiiert. Wissenschaftliches Lernen muss Eindeutigkeiten hinter sich lassen, es muss mit Überraschungen rechnen – gerade weil man mit allem rechnen kann, aber eben nicht mit Überraschungen.

Nicht umsonst waren es stets Universitäten, die der Gesellschaft Biotope fürs Experiment angeboten haben, und nicht zufällig sind kulturelle und politische Protestformen an Universitäten entstanden – ob nun emanzipatorische Nationalbewegungen des 19. Jahrhunderts oder die 68er. Universitäts- und Herrschaftskritik fielen in eins, hier konnten Erkenntnisse gewonnen, Probleme entworfen und abweichende Verhaltensweisen ausprobiert werden. Und zwar folgenlos, vorerst jedenfalls.