Hier pflanze ich Mangold, der schmeckt besser als Spinat und sieht auch schöner aus", erzählt Andrea Rauscher. "Und das hier ist Sauerampfer, den haben unsere türkischen Nachbarn gepflanzt. Aber mir schmeckt das nicht so." Daneben wachsen Ribiselstauden, Erdbeeren, Sonnenblumen, Stockrosen. Andrea Rauscher wohnt erst seit ein paar Jahren im Paul-Speiser-Hof, dem mächtigen Gemeindebau, einem Architekturjuwel des Roten Wien aus den zwanziger Jahren. Auf der kleinen Wiese zwischen Stiege 27 und 28, auf die früher bestenfalls ein paar Hunde kackten, hat Frau Rauscher mit ein paar anderen Nachbarn einen kleinen Gemeinschaftsgarten angelegt.

Plötzlich unternehmen die Nachbarn, die sich bisher meistens nur vom Wegschauen kannten, etwas gemeinsam. "Es gibt jetzt so etwas wie Gemeinschaft hier", erzählt Rauscher. Vielleicht fünfzehn, zwanzig Leute machen mittlerweile mit, ganz formvollendet hat man einen Verein gegründet, damit alles eine Ordnung und die Verwaltung von Wiener Wohnen sowie die Gebietsbetreuung einen Ansprechpartner haben. Konflikte im Gemeindebau, das hat auch viel mit Nicht-Kommunikation zu tun. Meist über Kleinigkeiten. Wenn wo das Licht ausfällt und tagelang niemand kommt, um die Lampen zu reparieren, dann ist kommunale Verwaltung schuld und alle sind stinksauer. "Oft liegt das aber auch daran, dass die Leute gar nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen, wo die richtige Stelle ist", sagt Andrea Rauscher.

Der Paul-Speiser-Hof ist der große Gemeindebau direkt an der Alten Donau. Blick auf den Wasserpark. Damit bin ich auf meiner Wien-Tour in jener Gegend angelangt, in der ich auch das Wort "ich" verwenden muss. Denn hier bin ich aufgewachsen. Das Donaufeld reicht vom Floridsdorfer Spitz und der S-Bahn-Station Franz-Jonas-Platz bis knapp vor Kagran, mit der Donaufelder Straße im Norden und dem Ufer der Alten Donau im Süden als Grenze. Das Herz von Floridsdorf, eines Bezirkes, der aus vielen großen Dörfern und ein paar kleinen Dörfern besteht. Die großen Magistralen, Brünner Straße, Prager Straße, die einst als Verbindungen in die Kronländer der Monarchie, Tschechien und die Slowakei, wichtige Verkehrsadern waren und heute seltsam überdimensioniert sind für einen bloßen Randbezirk, dann Dörfer wie Jedlesee oder Stammersdorf. Ein riesiger Bezirk, den nicht wirklich etwas zusammenhält. Vom Donaufeld aus betrachtet ist der Schlingermarkt auf der Prager Straße nicht gerade nah, und für das Kind, das ich war, waren das Distanzen, auch nicht sehr viel kleiner als die Strecke zum Mond. Ehrlich gesagt: Den Mond kannte ich aus dem Schwarz-Weiß-Fernsehen, von der Mondlandung. Den Schlingermarkt kannte ich nicht. Der Mond war näher, in gewissem Sinne.

In der Donaufelder Straße stehen noch viele ebenerdige Vorstadthäuser oder solche mit nur einem Stockwerk, dazwischen Bürgerhäuser und Neubauten. Ein wenig wie ein altes, wild gewuchertes Gebiss sieht die Straße aus, mit langen großen Zähnen und Stümpfen dazwischen. Früher gab es da den Friseurladen Ingrid, die Fleischerei Artner, das alte Kino, in dem die Heintje-Filme liefen, und die Branntweiner und Eckwirte für die Trankler, die im kleinen Beserlpark am Hoßplatz ihren Tag verbrachten.

Heute sagt man zum Hoßplatz "sozialer Brennpunkt". Früher waren die Verhältnisse nicht anders, aber es gab dafür keinen Namen. Aber eigentlich war er früher kein sozialer Brennpunkt, und er ist es noch immer nicht. Die Trankler sitzen auch heute vor ihrem Bier. Wenn der Tag lang und die Biere viele werden, kommt es zu Raufereien. Die Kinder aus der Umgebung machen einen Bogen um den Platz, weil Kinder eben Angst vor betrunkenen Erwachsenen haben. "Es gibt keine wirklich argen Sachen, aber natürlich ist das auch eine Raumnahme", sagt mir einer von der Mobilen Jugendarbeit Floridsdorf.

Floridsdorf

Wien wächst rasant und verändert sein Gesicht. Fast kein Bezirk hat sich dabei so schnell und stark ausgedehnt wie der 21. Mit der Erkundung des Gebiets um die Alte Donau sucht unser Autor Robert Misik die Spuren seiner eigenen Kindheit, die er dort verbracht hat, und setzt die Serie "Wien örtlich" fort.

Hoßplatz, Kinzerplatz, an der mächtigen Floridsdorfer Kirche vorbei, hinüber in Richtung Alte Donau, zurück zum Paul-Speiser-Hof. Floridsdorf, das ist das andere Wien. Vorstadt, nicht Innenstadt. Proletarisch und kleinbürgerlich, nicht bürgerlich und nicht bobohaft. Aber gar so schwarz-weiß ist das alles nicht. Im Speiser-Hof hat ein Wirtshaus aufgemacht, das Wirtshaus am Wasserpark, mit gehobener Küche. Einen Steinwurf entfernt wurde eine große Wiese für Gemeinschaftsgärten umgepflügt – jetzt gibt es Urban Gardening im Gemeindebau. Anders als die kleine Gartenzone zwischen Stiege 27 und 28 ist das hier ein Feld mit 35 Parzellen und einer Gemeinschaftszone, mit einem Werkstatthäuschen, mit Hochbeeten für die alten Leute, die sich nicht mehr richtig bücken können. Ingrid Springinklee führt durch den Gemeinschaftsgarten. Sie ist auf einem Bauernhof in Oberösterreich aufgewachsen und zum Studium nach Wien gezogen. Unter der alten Weide sitzt einer, der aussieht, wie ein Ur-Floridsdorfer mit großer Klappe und Ruderleiberl. Er ruft den Leuten von der Mobilen Jugendarbeit zu: "Na, alles leiwand, Streetworker?" Aber auch er ist erst seit ein paar Jahren hier. Er ist aus Goisern zugezogen. Auch das ist eine Form von Migration. Früher ist man in Floridsdorf geboren worden und in Floridsdorf gestorben. Heute zieht man zwischen Bezirken, Vierteln, Bundesländern hin und her.

Plötzlich stelle ich fest: Ich wollte die Floridsdorfer studieren. Und dabei bin ich der einzige Eingeborene hier.

Im Jahr 1934 tobten im Gemeindebau heftige Bürgerkriegskämpfe, wie überall in Floridsdorf, etwa beim Arbeiterheim in der Angererstraße oder im berühmten Schlingerhof.

Während ich mich umsehe, bemerke ich, dass Mira die Straße entlanggeht. Wir wundern uns, dass wir uns hier begegnen. Würden wir uns in Ottakring begegnen, würde uns das nicht wundern. Mira Lu Kovacs hat, wie fast immer, ihre Gitarre am Rücken. Sie ist Songwriterin und Frontfrau von Schmieds Puls, im Vorjahr erhielt sie den Amadeus Award. Sie kommt von Reini, der seinen Laden in den Arkaden des Gemeindebaus hat. "Der macht immer meine Gitarre heile, einen Besseren gibt es nicht." Reinhards Gitarren, steht am Laden. "Ich wohn immer schon da", sagt der Reini.